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Archiv für 9. Oktober 2007

Leben 98 – Dienstag, 09.10.07 – Pack die Badehose ein … (Teil 1)

9. Oktober 2007 Ulf Runge 2 Kommentare

Meistens kommt ja was dazwischen. Oft kommt es anders. Als man denkt. Also, dachte ich, nichts anbrennen lassen, richte Deine Laufsachen für den Sonntag mal rechtzeitig. So entstand in der Wohnung ein kleines Eck, auf dem ich sozusagen wie auf einem Altar Tag für Tag ein Stück dazu legte. Das T-Shirt war mir wichtigsten, besonders hautfreundlich, atmungsaktiv (was für ein Wort!), schnell trocknend.

Dies und das kam dazu, der Chip für die Zeitmessung, ganz wichtig, ohne den gibt es keine Wertung! Mein Doping, sprich mein Kohlenhydrategel, ich hasse dieses Zeugs, ich nehme es selbst im Training nicht, auch bei Drei-Stunden-Läufen trinke ich nur Wasser, sonst nichts. Mein Doping also. Und da gibt es eigentlich nur widerliches Zeugs und äußerst widerliches Zeugs; meinen Lieblingswider bekomme ich mit Citrusgeschmack. Beinahe hätte ich die Geltuben vergessen, aber zum Schluss finden sie doch noch auf meinen Altar. Und schlussendlich findet sich der Altar in der Reisetasche wieder.

Ich hasse morgendliches Gedränge vorm Marathonstart, hole meine Startnummer immer schon am Vortag ab. So kommt es, dass ich schon am Samstag unterwegs bin nach Köln, quartiere mich in einem Mittelklassehotel ein, zehn Minuten von Start und Ziel entfernt. Das alles entscheidet man Monate vorher, jetzt ist alles ausgebucht hier.

Du kannst alles planen, Du kannst die Vorbereitung perfektionieren, gegen zwei Dinge bist nicht gefeit: Erstens gegen Deine eigene Schussligkeit, dazu später mehr, und zweitens gegen das Leben. Wenn also etwas dazwischen kommt, wo andere Dich brauchen, wo Du ohne zu zögern hilfst. Und Du dann noch dankbar sein kannst, wenn Du Dich wieder langsam an die Dinge herantasten kannst, die Du geplant hattest.

So war ich also – aus zweitem Grund – viel später in Köln angekommen, als ich wollte, aber ich war rechtzeitig, und nur das war entscheidend. Kurz nachdem im Radio die Bundesligaschlusskonferenz zu Ende gegangen war, hatte ich doch noch deutlich vor 18 Uhr eingecheckt, und dankenswerter Weise konnte man die Startnummer bis abends um acht abends abholen. Bevor ich rüber ging zur Marathonmesse, schnell noch ein Blick in die Reisetasche und prompt bestätigt sich mein Verdacht: Badehose vergessen!

Wozu bitte eine Badehose für den Marathon? Es ist einfach herrlich entspannend, anschließend ins Schwimmbad zu gehen, zu duschen, und paar lockere Runden zu schwimmen, das ist einfach riesig. Eine neue Badehose stand eh schon auf meinem fiktiven Einkaufszettel. Wäre also schön, wenn ich heute noch eine neue Badehose ergattern könnte.

Also rüber zur Startnummernausgabe, vielleicht gibt’s ja dort auch Badehosen. Unterlagen abgeholt. Pastaparty? Nein, danach war mir nicht der Sinn, die hätte ich extra bezahlen müssen, da kann ich gleich zu einem richtigen Italiener gehen, denke ich mir. Nach dem offiziellen T-Shirt vom diesjährigen Lauf geguckt, ja, ich bin bekennender T-Shirt-Sammler und –Träger, und die darf man auch nicht, sagen wir mal entsorgen, da hängt doch jede Menge Erinnerung dran. Das Material war diesmal besser als im Vorjahr, bloß einen Haken hatte die Sache, die Dinger waren langärmlig. Ulf und langärmlig! Nicht freiwillig! Also, dieses Jahr kein offizielles T-Shirt. Irgendwie schade.

Dann noch über die Ausstellung gebummelt. Geguckt, ob die zufällig auch Badehosen verkaufen. Laufhosen jede Menge, logischerweise, Radlerhosen, für die hartgesottenen Triathleten, aber keine Badehosen.

Außer dem Italiener, bei dem ich meine ganz persönliche Pastaparty feiern wollte, gab es jetzt also noch einen zweiten Grund, mit der Straßenbahn in die Stadt zu fahren. Kaum war ich an der Haltestelle und wollte mich mit dem Fahrkartenautomaten beschäftigen, da kam auch schon eine Bahn in meine Richtung. Und das sei mal hier besonders lobend erwähnt. In Köln steigst Du ohne Fahrkarte ein und findest innen drin einen Automaten, der Münzen annimmt und auch noch die Geldkarte versteht. Ich hatte genügend Münzen dabei, der Herr, der mit mir Einstieg hatte nur Scheine und musste dann doch noch schwarz fahren.

Die Sonne war längst untergegangen, ein blutroter Himmel ging fast ohne Blautöne in ein sattes Schwarz über, die Kölner Farben sozusagen am Himmel gemalt. Davor die imposante Silhouette von Groß St. Martin hinüber zum Kölner Dom bis zur Hohenzollernbrücke. Immer wieder gut für einen eiskalten Schauer, dieser Anblick, den Rücken entlang. Wem das nichts sagt, der klicke doch mal hier nach.

Ich steige am Neumarkt aus, finde schlafwandlerisch in das nahe gelegene Kaufhauszentrum, lande direkt im zugehörigen Sportgeschäft und habe bis um acht noch 20 Minuten Zeit. Badesachen im ersten OG, die Rolltreppe hinauf, dort nur Badekleidung für Damen entdeckt. Die freundliche Verkäuferin zeigt mir, wo die Herrenartikel hängen, hier die Hosen, dort die Shorts. Ich möchte wieder eine Badeshorts und finde in meiner Größe jede Menge schwarze, wenige blaue und da noch zwei rote. Die dunkelrote gefällt mir am besten, die Verkäuferin weist mir den Weg zur Kabine, schnell anprobiert, passt. Ja, die hätte ich gerne gekauft, die Kasse sei da drüben, meint sie, ich hätte da, fange noch mal von vorne an, ich hätte da noch eine Frage, jetzt sieht sie mich überrascht an, was denn nun aus meinem Mund heraus käme, ob sie denn wisse, wo hier ein Italiener sei, es müsse keine Pizzeria sein. Sie stutzt, denkt nach, ja doch, ihr Lieblingsitaliener sei da gleich links raus, am Aldi vorbei und dann in der Breite Straße. Wie der denn heiße, sie versucht, Laute zu formen, Silben, bringt dann aber doch nicht den Namen zusammen, der ihr siedend heiß auf den Lippen liegt. Sie beratschlagt sich mit ihrer Kollegin, beide sind sich einig über die Wegbeschreibung, doch der Name will nicht einfallen.

Egal, sage ich mir, bedanke mich ganz herzlich, mache mich auf die Suche, finde den richtigen Ausgang, sehe den Aldi, und biege dann falsch ab, was ich zu diesem Augenblick noch nicht weiß. Laufe die Straße entlang, bin an der nächsten Kreuzung etwas ratlos, gehe ein paar Schritte links hinunter, irre dann wieder zurück, denke mir, schade, bist wahrscheinlich kurz davor, frage einen Herrn, der mir gerade entgegen kommt. „Die Breite Straße?“ wiederholt er meine Frage, da müsse ich genau in die andere Richtung laufen, da beim Globetrotter rechts abbiegen. Wir gehen die schmale Straße jetzt in die gleiche Richtung, er auf der linken Seite, ich auf der rechten, unter Arkaden hindurch. Kurz vorm Globetrotter kommt er zur mir rüber, korrigiert sich, ich solle nicht jetzt, bei der weißen Globetrotter-Reklame abbiegen, stattdessen dahinten, bei der roten. Okay, er geht auf seine Seite zurück, wir laufen gleich schnell, in die gleiche Richtung, noch wenige Schritte, dann bin ich beim roten Globetrotter, und schon wieder ist er bei mir, ich solle ruhig noch etwas weiter geradeaus laufen, beim WDR-Schild dann rechts abbiegen. Ich sehe kein derartiges Schild, bedanke mich aber zum wiederholten Male beim ihm, es wird das letzte Mal bleiben. An der nächsten Kreuzung werde ich fündig, Breite Straße, ich sehe mich um, ja, da ist ein Italiener, Mezzogiorno heißt er.

Die Gaststätte macht einen gepflegten Eindruck, eine kreidegeschriebene Speisekarte auf einer Standtafel wirkt schon recht persönlich auf mich, die Speisekarte an der Tür ist vielfältig und erschwinglich, nur ist der Laden voll, leider. Kein Tisch mehr frei. Schade, ich drehe mich schon um, da vernehme ich von dem Italiener, „außer draußen“. Auf der Straße, unter Sonnenschirmen, gibt es jede Menge Tische und Stühle, für schöne Tage und laue Abende gedacht. Es ist Anfang Oktober, es ist dunkel draußen, es ist fast windstill, und so ist mir noch nicht zu kühl, ich nehme das Angebot an, setze mich vor der Tür an einen Tisch, bin der einzige Gast hier draußen. Und atme hier irgendwie Köln ein. Ganz tief.

Sitze da, meine Gedanken kreisen um den morgigen Lauf, ich begutachte noch einmal meine neue Badehose, was für ein Glück, dass ich jetzt noch ein gutes Stück für „hinterher“ habe.

© Ulf Runge, 2007

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