Leben 95 – Donnerstag, 04.10.07 – Sicher ist sicher
Gestatten, dass ich mich vorstelle? Mein Name ist Edivo. Einfach nur Edivo. Ja, natürlich ist das ein Deckname. Glauben Sie mir, das ist am besten für uns alle! Für Sie. Und auch für mich.
Vielleicht noch ein Hinweis. Wir suchen Leute. Und da das, was wir tun, in der Öffentlichkeit relativ unbekannt ist, hat mich mein Chef gebeten, doch mal etwas über meinen Job zu berichten. Das ist für mich natürlich Ehrensache. Ich bin mal gespannt, was er zu diesem Entwurf sagen wird.
Ja, was macht er denn, der Edivo, werden Sie jetzt fragen. Und darauf kann ich gar nicht mit einem knackigen Begriff antworten. Weil, den gibt es nicht. Auf einen Punkt gebracht, ich gucke den ganzen Tag Video. Die Videos von den Überwachungskameras. Mein Auftrag ist zu prüfen, ob es da nichts Auffälliges, Besonderes gibt.
Klar, irgendwann werden sie mich durch einen Computer ersetzen, der Muster erkennen kann. Der die Nasenspitze eines Terroristen unterscheiden kann etwa von der eines Politikers.
Bis dahin aber werde ich noch in meiner fensterlosen Kabine sitzen und Fernsehen gucken. Aber glauben Sie nicht, dass ich nur ein Videobild gleichzeitig ansehe. Ich habe insgesamt 16 Kleinstmonitore, die ich gleichzeitig beobachte. Die Bilder sind alle live, ich kann aber jederzeit einen der Kanäle auf einen großen Monitor projizieren. Und dann sogar rückwärts spulen und vergrößern, wenn mir etwas nicht ganz echt erscheint.
Ich mache das jetzt seit drei Monaten, und es macht mir zunehmend Spaß. Die Kameras 1 bis 4 zeigen Bilder vom Hauptbahnhof und es ist schon irgendwie witzig, inzwischen kenne ich eine Menge Gesichter, insbesondere morgens kann man sich die Uhr nach den Pendlern stellen.
Da, der Herr mit dem Regenschirm, er hat immer einen dabei, egal welches Wetter wir haben. Dort die beiden Kids auf ihren Inlinern, die sich jeden Tag ihren halsbrecherischen Weg durch die Menge bahnen. Die Frau mit der Aktenmappe und dem Headset, die immer zu telefonieren scheint, die ihren Weg macht zum Ausgang nimmt, ohne die anderen Menschen wahrzunehmen. Und da, die Rotzgöre, die jeden Morgen einen Kaugummi auf die Rolltreppe spuckt.
Auf den Kameras 5 bis 8 der Bahnhofsvorplatz. Menschenmassen, die wohl alle farbenblind sind und bei Rot über die Ampel gehen. Bis auf diesen Herrn mit dem Riesenrucksack, der bleibt zur Überraschung der anderen bei Rot stehen. Zweimal schon sind ihm Leute in seinem Rucksack hineingelaufen deswegen. Gegrölt habe ich, ja, manchmal macht es sogar Spaß zuzugucken, wenn Sie wissen, was ich meine.
Worüber ich mich wirklich jeden Tag erneut aufregen kann, sind die dussligen Straßenbahnen, wobei die sind nicht dusslig. Dusslig müssten sich eigentlich die Verkehrsplaner nennen, die dafür verantwortlich sind, dass die Straßenbahnen fahren, wann sie wollen, quer durch die Fußgänger hindurch, egal ob die bei Grün über die Schienen laufen, oder bei Rot die Gleise queren. Dass da noch nichts passiert ist, nein, nicht dass ich darauf warten würde, aber krass ist das schon.
Die Kameras 9 bis 12 zeigen das Fußballstadion, das ist natürlich die meiste Zeit über total langweilig, weil da nichts los ist. Wenn aber mal ein Spiel ist, dann darf ich wenigstens mitgucken, weil, die Kamera 12 zeigt das Spiel, die anderen drei sind auf den Zuschauerbereich gerichtet. Ja, die 12, die haben wir uns in einem Arbeitskampf hart erkämpft, ein bisschen Spaß muss sein, heißt es doch.
Bevor ich jetzt noch zu den anderen Kameras komme, möchte ich noch etwas loswerden, was mich beschäftigt, seitdem ich hier sitze. Sagen wir mal so, ich behaupte mal, dass 90 Prozent der Autofahrer Popler sind, die andauernd irgendwas an ihrer Nase rumzufummeln haben. Bei Fußgängern ist geradezu umgekehrt, da würde ich mal sagen, höchstens 5% sind Popler. Ehrlich gesagt, ich frage mich, ob der Umkehrschluss zulässig ist: Popler sind Autofahrer, Nicht-Popler sind Zugfahrer. Ja, wenn man hier sitzt und guckt, kommt man auf so manchen kuriosen Gedanken.
Ja, jetzt werden Sie wissen wollen, was die übrigen vier Kameras zeigen. Sagen Sie es bitte nicht weiter, aber die zeigen die Arbeitsplätze von meinen Kolleginnen und Kollegen, damit wir auch sicher sein können, dass die Überwachungskameras auch wirklich überwacht werden.
Einmal, das war witzig, da habe ich wegen einer Fehlschaltung mich selber gesehen, wie ich mich beobachte, wie ich mich beobachte, …
Sicher ist sicher!
Grüße von Edivo
© Ulf Runge, 2007


Puh …
Sehr schön zu lesen, aber … irgendwie auch unheimlich
Lieben Gruß, Ulli
Little brother is watching you … sag ich da nur. Holzauge sei wachsam!
Liebe Ulli,
Big Brother, 1984, Schnee von gestern?
Immer mehr Kameras benötigen immer mehr Seher…
Und wir wollen uns immer sicherer fühlen…
LG, Ulf
Liebe Renate,
ja, es gilt aufmerksam zu bleiben!
LG, Ulf
lieber ulf, sehr unterhaltsam *grosses-schmunzeln*, wirklich schön zu lesen diese beobachtungen und das mit den kamera´s- locker nehmen, wir haben doch nichts zu verbergen und je mehr aufmerksamkeit wir drauf lenken, desto ..du weisst schon. lgr andrea
Liebe Andrea,
Du meinst, die Kameras sollten wir “nicht einmal ignorieren”
?
LG, Ulf