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Archiv für 2. Oktober 2007

Leben 93 – Dienstag, 02.10.07 – Über Tabus spricht man nicht

2. Oktober 2007 Ulf Runge Kommentieren

Über Tabus spricht man nicht. Tabus bricht man!

Sie war jung und hübsch. Ihr Äußeres war gepflegt, sie war adrett, eine angenehme Erscheinung. Und sie hatte jede Zeit dieser Welt. (Ja, was könnte das jetzt für eine Geschichte werden…)

Sie schaute nach links, nach rechts, noch mal nach links und rechts, und dann – sprang sie auf die Schienen. Obwohl sie definitiv nicht in Eile war. Vorsichtig überschritt sie die Gleise und zog sich schließlich auf meiner Seite an der Bahnsteigkante nach oben. Sie hatte womöglich darauf gehofft, dass niemand sie beobachten würde, denn als sie mich bemerkte, wich sie meinem Blick unvermittelt aus, und bis der der Zug kam, war sie sehr darum bemüht, dass sich unsere Augen nicht trafen.

Da stellen sich ein paar Fragen:

Erstens: Warum war ich der Meinung, dass es keinen Sinn machen würde, sie anzusprechen? Weil sie mittlerweile in Hörweite einer Vielzahl anderer Menschen stand, so dass wir uns womöglich ein öffentliches Streitgespräch geliefert hätten?

Zweitens: War ich vielleicht nur zu feige, sie anzusprechen?

Drittens: Soll ich nachholen, was ein anderes Elternhaus versäumt hat?

Viertens: Warum hat man mir beigebracht, dass man dies oder das nicht tut? Z.B. nicht über Gleise steigen. Um mich einzuschüchtern, gefügig zu machen, auf dass ich obrigkeitshörig werde? So manches „Du darfst nicht!“ wird sicherlich missbraucht für die Rechtfertigung von Repressalien, für das Ruhigstellen unbequemer, unerwünschter Meinungen. Wohl aber kaum der Hinweis, nicht über Gleise zu steigen.

Ich habe tief verinnerlicht, dass jemand, der über Gleise geht, mit seinem Leben spielt, dass man die Geschwindigkeit eines herannahenden Zuges unterschätzen kann, dass man mit dem Fuß in den Schienen so hoffnungslos hängen bleiben kann, dass man die Hilfe Dritter benötigt, um befreit zu werden.
Über die Gleise laufen? Tabu! Tabu! Tabu! So etwas macht man nicht!

Wo aber fängt der Tabubruch an? Beim Über-die-rote-Ampel-laufen? Ist die Farbenblindheit bei Fußgängern ein Kavaliersdelikt? Das umgekehrt auch das Überqueren von Schienen rechtfertigt?

Bis vor einem Jahr bin ich auch bei Rot über die Fußgängerampel gelaufen, außer ich habe ein „kleines Kind“ gesehen, dem ich natürlich kein schlechtes Vorbild sein wollte. Seitdem ich das nachdenkenswerte Buch von Bernhard Bueb, „Ein Lob der Disziplin“, gelesen habe, geht mir seine neu definierte Sichtweise zur Freiheit nicht mehr aus dem Kopf. Er schreibt sinngemäß, dass wir uns nicht fragen sollten, „von was“ wir frei sein wollen, sondern „wozu“ wir frei sein möchten.

Will sagen: Frei sein, um sich dafür zu entscheiden, bei Rot zu warten. Diese Entscheidung also nicht als Unfreiheit interpretieren, nicht als Einschränkung werten.

Wo ich früher gedankenlos das Gesetz überschritten habe, warte ich heute gerne und mit verändertem Bewusstsein darauf, dass die Ampel umspringt. Für meine Begleiter ist es immer ein Aha-Effekt, wenn sie bereits auf der anderen Straßenseite angekommen sind und bemerken, dass sich mich – grinsenderweise noch auf der anderen Seite stehend – verloren haben.

Ehrlich gesagt, so ganz schaffe ich es nicht immer, aus Überzeugung stehen zu bleiben. Die Chance, den abfahrbereiten Zug noch zu erwischen, wird bisweilen höher gehandelt als die Aussicht darauf, eine Stunde lang auf den nächsten zu warten und darüber nachzudenken, warum man nicht bei Rot über die Ampel laufen sollte.

Heute abend wäre ich, zum Zug eilend, bei Rot über die Fußgängerampel springend doch beinahe in ein Fahrrad hineingelaufen, das selbstverständlich bei Rot über die Ampel für Fahrzeuge drüberfuhr…

© Ulf Runge, 2007

Hinweis: Dieser Beitrag ist gleichzeitig auf dem Senf-Blog von Renate, Heike und mir veröffentlicht worden. Welchen Senf meine die beiden Mitbloggerinnen und erst recht die Senf-Blog-LeserInnen dazu abgeben, kann man hier nachlesen:

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