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Leben 92 – Montag, 01.10.07 – Eins gehört gehört

1. Oktober 2007 10 Kommentare

„Eins gehört gehört – SWR 1.“

Mit diesem schönen Wortspiel wirbt mein Lieblingssender, SWR1 Rheinland-Pfalz, um Zuhörerinnen und Zuhörer.

Dieser Beitrag ist eine Hommage an diesen, „meinen“ Sender. Dies wird zugleich auch eine Hommage an engagierten Journalismus, der sich nicht zur Geisel von Quotenschielerei macht, der deshalb (fast) auch nur im öffentlich-rechtlichen Raum seine Freiräume findet.

Es war in den 60ern des vergangenen Jahrhunderts, als ich im nordrhein-westfälischen Köln mit einer Philips Philetta, einem kleinen, einfachen Röhrenradio aus den 50ern, und einer UKW-Wurfantenne das Wunder erleben durfte, das zarte Pflänzchen eines für Deutschland völlig neuartigen Musiksenders hören zu dürfen. „SWF Pop-Shop“ aus Baden-Baden mit einem gewissen Frank Laufenberg, einem Moderator, der damals wie heute eine Stimme hat(te), der man lauschen muss, die einen gefangen nimmt. Seine Beiträge waren und sind erstklassiger Musikjournalismus.

Der Pop-Shop brachte endlich die Musik, die wir hören wollten. Wir wollten nicht mehr Radio Luxemburg hören oder den Piratensender Radio Caroline über Mittelwelle. Wir waren Fans der Beatles und Stones, liebten Jimi Hendrix, Janis Joplin, The Who und Cream, wir wollten nur noch diese englisch-sprachige Musik hören. Aus diesen wenigen Stunden am Nachmittag, in denen ich sehr gerne meine Hausaufgaben erledigte, wurde aufgrund der wachsenden Beliebtheit ein eigenständiges Radioprogramm, das sich von Köln bis Basel heute als unverzichtbar im Äther etabliert hat.

Selbst die unter dem Vorwand des Sparens versuchte politische Einflussnahme der Besitzer von Rundfunkhäusern in Stuttgart und Mainz hat dieser Sender überlebt. SWR3 hat glücklicherweise noch mehr Identität von SWF3 übernommen als vom SDR3. Gut so.

Heute höre ich nicht mehr das dritte Programm, das für die jungen Leute und die Autofahrer, heute bin ich mit der Musik auf den ersten Kanal, SWR1 Rheinland-Pfalz, gewechselt. Danke, dass ich „meine“ Musik von damals auch weiterhin im Radio hören darf. Heute erfahre ich endlich in den spätabendlichen Musiksendungen, dass Joe Cocker mit einem Kofferradio auf den Knien auf dem Klo saß, um zum ersten Mal „With a little help from my friends“ von den Beatles zu hören und sich zu sagen, dass er das auch singen wolle. Und er sang es. Und es wurde ein gigantischer Erfolg. Heute erfahre ich endlich, dass Chris Rea im Stau auf der M25 die Idee für „Road to hell“ bekommen hat. Endlich. Danke. „Szene“ und „Kopfhörer“ heißen diese hervorragend recherchierten und moderierten Sendungen. Immer wieder bekommt man hervorragende „Meilensteinalben“ zu hören, etwa wie „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ von den Beatles oder „Tapestry“ von Carole King. “Legends of Pop” würdigen anlässlich von Geburtstagen oder anderen historischen Anlässen die Leistungen hervorragender Musiker.

Dass die Nachrichtensendungen und tagesaktuellen Sendungen erste Sahne sind und viel Sendezeit haben, das möchte ich hier auch noch erwähnen. Es ist nicht selbstverständlich in einer Gesellschaft zu leben, in der Meinungs- und Redefreiheit selbstverständlich sind. In Birma wird uns augenblicklich vor Augen geführt, wie die Freiheit und die Rechte des Volkes mit Füßen getreten und erstickt werden.

Nicht verhehlen möchte ich auch meine Freude an der Sendung „Stadion“ am Samstag Nachmittag. Mir ist eigentlich egal, wer gegen wen gewinnt, ich finde nur, dass die Bayern aus München nicht immer gewinnen sollten, bloß weil sie das meiste Geld haben; ich finde auch, dass Fußball viel schöner ist wenn Mainz und Köln in der ersten Liga spielen. Egal, am interessantesten ist diese Sendung bei den Halbzeit- und Schluss-Konferenzen. Das ist Spannung pur, egal wer gegen wen gewinnt, nur zehn Mann auf dem Platz hat, die rote Karte sieht, „Tor in Leverkusen“ ruft Sabine Töpperwien, um sich heftigst Gehör zu verschaffen, „Elfmeter auf Schalke“ fordert einer ihrer Kollegen ein, unschlagbar diese Minuten. Am schönsten, wenn die Radios in der Küche, im Bad und im Wohnzimmer zu einem Dolby-Surround-Feeling führen, das jede normal denkende weibliche Person an den Rand des Wahnsinns bringen muss. Aber, es sind ja wirklich nur ganz wenige Minuten am Samstag. Dafür sehe ich auch keine Sportschau, das liegt nicht an Monica Lierhaus, das liegt daran, dass diese Sendung zur Werbesendung verkommen ist.

Jetzt aber der eigentliche Anlass, warum ich gerade heute diese Hommage schreibe. Jeden Sonntag von zehn bis zwölf gibt es die Sendung „Leute“ mit einem Studiogast. Bekannte Menschen. Und unbekannte, die etwas Bedeutendes gemacht haben. Oder zu sagen haben.

Heute war Jutta Fleck im Studio, „die Frau vom Checkpoint Charlie“. Authentische Erfahrungen und kluge Worte kommen da rüber. Erstklassig vorrecherchiert. Einfühlsam interviewt. Das ist wirklich anspruchsvoller, ernsthafter und doch zugleich unterhaltsamer Journalismus. Hier der Link auf die Leute-Seite: http://www.swr.de/swr1/rp/programm/leute.

Auch wenn das jetzt nur eine Aufzählung ist, die Sendungen mit folgenden Gästen durfte ich mitverfolgen und war davon sehr angetan: Jutta Fleck, Alfons, Joy Fleming, Dieter Pfaff, Lionel Richie, Roger Cicero, Reinhard Mey, Ingrid Noll, Axel Hacke, Garri Kasparow, Michael Mittermeier, Dagobert Lindlau, Bernhard Bueb, und und und …

Das Schöne ist, dass diese Gespräche auch als Podcast verfügbar sind. Kann ich nur empfehlen.

… geschrieben SWR1-RP-hörenderweise am 29.09.07 …

 

© Ulf Runge, 2007

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