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Mein erster Besuch auf einer Poetry Slam
Leben 114 – Mittwoch, 31.10.07
geschrieben am 07.03.07, in einem Internet-Forum, als Replik auf die Frage, wie das denn funktioniere mit den Poetry Slams…
© Ulf Runge, 2007
Er weiß es
Leben 113 – Mittwoch, 31.10.07
Ich glaube, er weiß es. Weil, es liegt an ihm. Definitiv. Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, mich einmal von ihm zu trennen…
Aber der Reihe nach.
Ich glaube, wir mochten uns sofort. Er stand vor mir, ich berührte ihn zärtlich, und dann spürte ich diese Wärme, die von ihm ausging. Wann immer ich meine Hände auf ihn legte, spürte ich sein Pulsieren, seine Lebendigkeit.
Wir sind jetzt doch schon einige Jahre zusammen und wir hatten eine gute Zeit, muss ich schon sagen. Daran gibt es nichts zu deuteln, manchmal hatte ich fast das Gefühl, dass andere bisweilen etwas eifersüchtig auf uns waren.
Es hätte so bleiben können, aber ich glaube, es gibt Fehler, die kann man nicht wiedergutmachen: Ich entschied mich, ohne ihn in Urlaub zu fahren. Ich wollte mal ganz ohne ihn sein, einen freien Kopf bekommen. Für ihn hat es eigentlich klar sein müssen, dass diese Trennung auf sehr kurze Zeit nur gut sein konnte für uns beide. Genauso wie ich mal meine Gedanken neu sortieren wollte, konnte er mal drei Wochen lang Pause machen, ohne irgendjemandem verpflichtet zu sein, einfach mal nur die Akkus aufladen.
Aber ich glaube mittlerweile, die drei Wochen waren nicht gut für ihn, ich bin mir fast sicher, er hat sich einsamer gefühlt, als ich erwartet hatte. Irgendetwas ist passiert, was ich mir objektiv nicht erklären kann, aber es war nach meiner Rückkehr auf einen Schlag anders mit uns. Während er sonst immer ein gepflegtes Deutsch mit mir spricht, passierte es ihm in jüngster Zeit immer häufiger, wobei ich nicht glaube, dass es ihm „passiert“, nein, ich bin sicher, er macht es mit Absicht, also er fängt auf einmal an, Unsinn zu reden, auf Englisch, läuft blau an, verweigert sich, ist zu keiner Reaktion mehr bereit, was ich dann echt ätzend finde an ihm. Ausdiskutieren? Nicht möglich. Typisch männliche Reaktion? Ich glaube schon.
Und jetzt habe ich ihm gesagt, dass ich so nicht länger weitermache, dass ich mit seiner Verweigerungshaltung nicht länger umzugehen bereit bin. Was tut er? Wechselt die Konversationssprache erneut, sagt mir in epischer Breite auf Englisch, dass er sich hier und jetzt mal „auskotzen“ müsse. Und schweigt. Und löscht das Licht.
Ich war ja so in Rage, ich hätte ihm beinahe gesagt, dass ich mich inzwischen für einen anderen entschieden habe. Und ich vermute mal ganz dringend, er weiß es irgendwie.
Ich mache mir eine so bedeutsame Entscheidung nicht wirklich leicht. Habe nächtelang wach gesessen und gelegen. Ich kann nur hoffen, dass man mir glaubt, dass es Horrortage, nein Horrorwochen waren. Ja, der andere ist jünger, er ist stärker, und er sieht dazu auch noch bedeutend attraktiver aus. Aber, ganz ehrlich, das ist es nicht.
Für mich gibt es nur einen wahren Grund für unsere anstehende Trennung. Zuverlässig muss er sein, mein Laptop!
© Ulf Runge, 2007
Und erstens kommt es anders als man zweitens denkt…
Leben 112 – Dienstag, 30.10.07
Um es kurz zu machen, man soll nicht über die Dinge unken, die da gleich passieren können.
Man muss sich das mal vorstellen: Es war Spätherbst 2002, die Mehdorn-Bahn hatte sich einiges einfallen lassen, um dann ab Dezember die Kundschaft kräftig aufzumischen. In diesen Wochen vor einem historisch negativen Tarif- und insbesondere Fahrplanwechsel (Wegfall der Interregios, das waren mal so blaue Züge des Nahverkehrs mit fast der Bequemlichkeit und Reisegeschwindigkeit von Intercity-Zügen, ach was soll’s, darüber schreibe ich ein ander Mal), in diesen Wochen also, fuhr die Bahn nachweislich unzuverlässig. Wer weiß warum, ich vermute mal, weil die Lokomotiven weniger häufig gewartet wurden, um Geld für einen kurz bevorstehenden Börsengang zu sparen, aber das ist ja reine Spekulation; definitiv ist nur: Zugausfälle, Verspätungen und liegen gebliebene Züge, das war im November 2002 auf meiner Strecke Normalität.
Und dann sitzen wir im Zug, abends, eine einzige (in Zahlen: 1) Station, bevor wir aussteigen wollen und müssen, weil wir da wohnen, unsere Freizeit verbringen wollen, da bin ich doch so blöd und sage: „So, bis jetzt sind wir ja schon mal gut durchgekommen. Jetzt fehlt uns nur noch ein Lokschaden.“ Nicht lange, genauer gesagt, nach ca. 2 Minuten, fehlte er uns nicht mehr. Der Rest ist Taxi.
Doch das alles wollte ich eigentlich nicht schreiben.
Aber, wer über „Nichts trifft den Planenden so sehr wie der Zufall“ schreibt, der sollte sich darüber im Klaren sein, dass das auch so etwas ist wie unken. War ich mir aber nicht.
Fuhr also am Donnerstag mit dem Auto, weil, es war eine Ganztagsklausur im Taunus angesagt. Mit der Bahn eine Weltreise, mit dem Auto eine feine Sache. Bin gut in der Zeit, habe mich noch nicht verfahren, was ich auf dieser Strecke mindestens einmal gerne mache. An der Ampel stehenderweise bemerke ich so etwas wie Dampf, Kühlerdampf, schaue aufs Armaturenbrett (Ihr lieben jungen Führerscheinprüflinge, welchen Ausdruck bringt man Euch heute bei, doch nicht Armaturenbrett oder, da denkt Ihr doch an Wasserhähne im Bad, oder?) und entdecke, dass nicht der Benzintankanzeiger ganz oben ist, was leider viel zu selten der Fall ist, nein, es gibt da noch einen Zeiger, den ich tunnelblickenderweise natürlich nie wahrnehme, weil der steigt höchstens auf die Mitte, also der ist IM ROTEN BEREICH!
Ich denke an ganz viele Wörter, die mit Sch… beginnen oder mit F…, z.B. Scheibenkleister und „Fackeln im Sturm“. Rechts ran, Motor aus, gewartet. Männlich nachgedacht. Es ist nicht Sommer, es ist kühl, wozu brauche ich einen Kühler, selbst wenn der jetzt im A…, äh Eimer sein sollte. Fahrtwind!!! Jawoll, der Fahrtwind, der würde es bringen, von wegen anhalten und so. Motor an, Anzeige leicht unter dem roten Bereich, weitergefahren, zweispurige Schnellstraße ohne Strandstreifen, und der Dampf schwillt an, und ich schalte den Motor aus, lasse die Mistkarre, oh, was schreibe ich da, lasse sie also ausrollen, es geht den Berg nach oben, will den Motor wieder anmachen, so eine blöde gelbe Lampe verrät mir was von „CHECK“ und verweigert dem Motor die Arbeitsaufnahme. Lokführerstreik, aber nur bei den Kühlern und so. Mist!!!
Ich habe ja so einen Dusel, eine Ausfahrt kommt, ich rechts ran, ausrollend, gedanklich und mit dem Hinterteil im Sitz mitschiebend, von Fahren ist nicht mehr die Rede, der Motor springt ja nicht mehr an.
Schwein gehabt.
Jetzt den ADAC anrufen. Jetzt ist die Situation gekommen, in der man weiß, warum im ADAC ist. Jetzt kriegt man sozusagen seinen Beitrag wieder raus,
Da – obwohl ich schwer gebeutelt bin und dringend um Hilfe suche – fällt mir die Diskussion um das ALG 1 (Arbeitslosengeldgesetz 1) ein, dass man die Arbeitslosenversicherung nicht mit einer Kapitalversicherung verwechseln dürfe, sie sei eine Risikoversicherung, man habe nicht das Recht, aus seinen Beiträgen abzuleiten, dass man einen Anspruch auf Rückzahlung habe.
In diesem Augenblick verwischen sich bei mir die Grenzen zwischen Risiko- und Kapitalversicherung, ich will nur Hilfe. Habe lange genug bezahlt…
Der Wagen sei in spätestens 60 Minuten da. Wir vergleichen noch einmal meine Handynummer. Dies ist einer der Augenblicke, in denen man genießt, dass das Handy richtig schön aufgeladen ist. Es ist. Glücklicherweise.
Der kurzärmlige Ulf (wir hatten das schon) sichert die Pannenstelle ab, zieht sich zum ersten Mal diese Sicherheitsweste über; damit wirke ich selber schon wie ein Offizieller, ja Kleider machen Leute, doch mir wird es dann doch etwas zu frisch, ich ziehe zu meiner eigenen Verwunderung eine langärmlige Jacke über. Ja, das Leben!
Der nette Herr von ADAC, der nach 50 Minuten eintrifft, hat eine ähnliche Diagnose wie ich: Der Kühler ist leer, weil kaputt, er kann bestätigen, dass die Information aus meinem Serviceheft, dass in zwei Kilometer Entfernung eine für mich geeignete Werkstatt sei, richtig ist, und schleppt mich freundlicherweise ab. Da es fast ausschließlich bergab geht, habe ich gut zu tun, die Bremse ohne Motorunterstützung so zu bedienen, dass das Abschleppkabel schön straff bleibt.
Die Markenwerkstatt, bei der ich hier lande, ist wohl ein alteingesessenes Unternehmen, aber keine Markenwerkstatt mehr für mein Auto. So wie meine Werkstatt zu Hause auch. Der Hersteller muss eine ziemlich harte Provisionspolitik mit seinen Händlern betreiben. Das nur am Rande.
Besonders positiv zu vermelden sei hier noch folgendes:
Ein sehr freundlicher Mitarbeiter des Autohauses fährt mich zu meinem geplanten Ziel, so dass ich nur gut 2 Stunden zu spät bei meinem Workshop ankomme. Und weil der Taunus so schön ist, zeigt er mir noch eine neue Route zu meinem Ziel, die nicht unbedingt kürzer ist, aber schöner, waldiger…
Mein Auto habe ich dann am nächsten Tag abholen dürfen, repariert.
Jetzt frage ich nur noch: „Wer repariert mein Girokonto?“
© Ulf Runge, 2007
Mal richtig gut essen gehen…
Leben 111 – Montag, 29.10.07
Ja, wenn ich schon erzähle, dass ich im Vorzimmer eines Konstanzer Controllers den ach so wahren Sinnspruch „Nichts trifft den Planenden so sehr wie der Zufall“ gelesen habe, dann sollte ich auch unbedingt mein Lieblingserlebnis mit diesem netten Herrn zum besten geben.
Damit ist übrigens die Frage beantwortet, ob denn mein Vorstellungsgespräch erfolgreich war. Ja, ich durfte das Projekt machen. War also öfters auch vor Ort an der Bodenseestadt.
Nun gab es da leider keine Mittagsküche vor Ort, so groß war die Betriebsstelle in Konstanz nicht. Aber man konnte einen recht preiswerten Service nutzen, nämlich bis zu einer bestimmten morgendlichen Uhrzeit sich entscheiden für eines der angebotenen Menüs, die einem dann sozusagen fast bis auf den Schreibtisch zugestellt wurden. In Aluverpackung. Die dann wieder recycelt wurde.
Das Essen war okay, will heißen, es hat einen nicht vom Hocker gerissen, aber man hatte etwas Gesundes, was Warmes im Bauch. Und das hat wirklich nicht jeder Betrieb zu bieten. Also Klappe halten, und dankbar sein.
Wir waren gerade dabei, den Menüzettel zu studieren, als „mein“ Controller zu mir rüber guckte und einen richtig spannenden Vorschlag machte: Ob wir denn nicht mal richtig gut essen gehen wollten? Heute mal kein Aluessen bestellen, statt dessen mal in die Stadt rüberlaufen und es uns gut gehen lassen.
Hey, Superidee! Dachte ich. Und stimmte freudig zu. Der Vormittag ging recht schnell vorbei. Ich malte mir aus, wohin mich mein Gegenüber „ausführen“ würde. Italienisch, das wär nicht schlecht, dachte ich. Oder was mit Fisch, aus dem Bodensee. Ach was, irgendwas, egal was, aber mal raus hier, ein bisschen Stadtflair spüren, statt hier im Büro vor sich hin zu krümeln und auf die Krawatte zu kleckern.
Ein warmer, freundlicher Tag mit viel Sonne und wenig Wolken erwartete uns vor der Tür, wir genossen den Spaziergang am Ufer entlang, bis wir über die Brücke hinüber in die Altstadt hineinkamen. Jetzt waren wir in der Fußgängerzone, und die Schritte meines Begleiters wurden langsamer, bis er sich schließlich zu mir drehte und freundlich – mit einem „Na, wie hab ich das gemacht“-Gesicht – zu mir sagte: „Wir sind da!“
Meine männlichen Tunnelblickaugen konnten nicht direkt eine Gaststätte erkennen, so dass ich ihn etwas fragend anschaute. Mit ausgestrecktem Arm deutete er auf das Fast-Food-Restaurant rechts von mir, auf dessen Scheiben gerade irgendwelche MaccenMcIrgendwas-Wochen beworben wurden.
Ja, lecker, dachte ich, unterdrückte allerdings meinen Überschwang, und überlebte diesen Tag im Wesentlichen deshalb, dass ich mich für den durchaus leckeren McSalat, oder wie er auch immer er hieß, entschied.
Seitdem bin ich etwas skeptisch geworden, wenn man mich einladen möchte, mal etwas richtig gutes essen zu gehen.
© Ulf Runge, 2007
Intermezzo – Sonntag, 28.10.07 – Intensive Tage
Meine lieben-Blog-Leserinnen und –Leser,
es waren intensive Tage seit vergangenem Mittwoch, die es nicht erlaubten, ernsthaft etwas größeres zu schreiben oder zu posten. Hier wenigstens ein paar Ankündigungen, wenn ich auch heute noch mit einem neuen Beitrag passen muss / will:
Donnerstag früh, wir erinnern uns an den Beitrag „Nichts trifft den Planenden so sehr wie der Zufall!“
Donnerstag Vormittag: Der Zufall schlägt sehr heftig zu, davon wird der nächste Beitrag handeln.
Freitag: Gesundheitstage, möglicherweise wird das auch für einen Beitrag reichen.
Freitag Abend: Poetry Slam in Darmstadt. Danke fürs Daumendrücken, ich durfte auftreten, war prinzipiell chancenlos, aber in meiner Vorrunde, wer weiß, da hätte mehr drin sein können. Egal, es war ein guter Abend. Mehr dazu „später“.
Samstag: Voller Tag, mal sehen, ob ich darüber noch berichten werde.
Sonntag: Frankfurt Marathon; angekommen, angekommen, angekommen; und dabei noch gute 6 Minuten schneller als in Köln vor drei Wochen. Danke fürs Daumendrücken! Ein besonderes Marathonjahr geht erfolgreich zu Ende. Da wird es noch einen Bericht geben mit Fotos!!!
Montag: Oops! Es ist noch gar nicht Montag. Jetzt hoffe ich mal, dass ich am Montag, spätestens Dienstag anfange mit all den obigen Themen.
Herzliche Grüße,
Ulf Runge
© Ulf Runge, 2007
Nichts trifft den Planenden so sehr wie der Zufall!
Leben 110 – Donnerstag, 25.10.07
Ich war recht aufgeregt, sollte ich mich doch in Konstanz vorstellen bei einem internationalen Unternehmen, und ich wollte / sollte doch keinen Scheiß erzählen, ich sollte als Externer unterstützen, programmieren helfen, organisatorische Aufgabenstellungen lösen helfen.
Hochroten Kopfes ging ich in die Villa hinein, in der meine Auftraggeber ihr Büro hatten, hochgradig adrenalingeschwängert war ich. „Ja, richtig, wir haben Sie schon erwartet“, ich solle mich mal in das Büro da vorne setzen, es würde noch einen Augenblick dauern. Ein kleiner Raum, kunstlichtgesäumt, die geöffnete Tür eröffnete den Blick auf ein Nachbarbüro, von dem aus man auf den Rhein und die Altstadtbrücke sehen konnte.
Das Duschen heute hätte ich wohl vergessen können, inzwischen war ich klatschnass, war mir sicher, dass mein Deo inzwischen mehr als versagt hatte. Schweiß, aus allen Hautporen tröpfelte es Schweißnebel. Halsschlagaderklopfend war ich in Erwartung des Gespräches, hoffte trotzdem nicht, dass etwas dazwischen kommen würde.
Ich musste mich noch etwas gedulden und so ließ ich meine Blicke kreisen, ein spartanisch eingerichtetes Büro, das wohl nur als Besprechungsraum genutzt wurde, und dann ruhten meine Augen, blieben haften, meine Blicke wollten nicht mehr weichen vom Flipchart, dessen oberstes Poster folgenden sinnhaften Spruch trug: „Nichts trifft den Planenden so sehr wie der Zufall“.
Ic h glaube, es ist schon besser, wenn man einen Plan hat. Ein Ziel, oder mehrere, Dinge, die man erreichen möchte, etwas, das einem Richtung gibt.
Ich glaube, es ist noch besser, einen Plan als Plan zu begreifen, und sich und den anderen nicht das Leben zu versauen mit der mechanischen Einforderung von Plänen, sondern das Situative im Leben zu begreifen als Chance, den Plan zu verbessern, anzupassen, seine Ziele zu justieren.
Ich bin sehr gut gefahren in meinem Leben, wann immer ich mich an diesen Spruch erinnert habe, wenn mir klar wurde, dass hier und jetzt Dinge passieren, die meine Planung über den Haufen werfen, die es erfordern, den Plan anzupassen, oder sogar für geraume Zeit planlos vorzugehen, wie ein Pfadfinder im Urwald, bei schlechter Sicht, den das Dickicht immer wieder zwingt, kleinere oder größere Umwege zu beschreiten.
Ich wünsche allen, die meinen, im Chaos zu versinken, vom Leben überrollt zu werden, ich wünsche allen, dass sie im Zufall, im Überrolltwerden eine Chance erkennen, die eigenen Pläne zu hinterfragen, vielleicht auch anzupassen, um schließlich einen Weg zu finden, zur Frau oder zum Herrn des eigenen Handelns zu werden.
© Ulf Runge, 2007
Hinweis: Dieser Beitrag ist gleichzeitig auf BlogSenf, dem gemeinsamen Blog von Anna, Heike, Renate und mir veröffentlicht worden. Welchen Senf meine Mitbloggerinnen und erst recht die BlogSenf-LeserInnen dazu abgeben, kann man hier nachlesen:
De Endlosz-Ahl
Leben 109 – Mittwoch, 24.10.07
Wie neueste Forschungen ergeben haben, hat es zu Recht seinen Grund, dass die Rheinländer den alten Endlosz, liebevoll „de Endlosz-Ahl“ genannt, fast wie einen Heiligen und Märtyrer verehren. Nicht etwa der ungenannt bleiben wollende ehemalige DV-Leiter eines Pharmagroßhandels muss als Erfinder der großen und kleinen Ziffern gelten, und das heißt, die Geschichtsbücher müssen neu geschrieben werden, nein der Endlosz-Ahl war es, dem die Idee kam, dass die Ziffern es den Buchstaben gleich tun sollten.
Jedem großen Buchstaben ist nämlich das Glück beschieden, sozusagen einen kleinen Bruder bzw. eine kleine Schwester zu haben. (Den Skandal um die Ermordung großen ß, dessen Schreibweise mittlerweile gänzlich unbekannt geworden ist, durch den kleinen Bruder möchte ich aus Gründen des schwebenden Verfahrens hier nicht weiter behandeln.) Das mit dem kleinen Bruder und der kleinen Schwester sollte fortan bei den Ziffern auch so sein, und was tat der Endlosz-Ahl, er erfand sie einfach, die kleinen Ziffern. Bitte aber nicht verwechseln mit den hoch- und tiefgestellten Ziffern wie man sie von Quadratzahlen oder chemischen Formeln kennt. Nein, die kleinen Ziffern haben bis heute noch keine praktische Anwendung gefunden, und wieder einmal zeigt sich hier überdeutlich: Deutschland ist Weltspitze bei Forschern und Entdeckern, und war machen wir draus? Nichts. Lassen sie brach liegen. Hier ist mal wieder der Staat gefordert. Die Rahmenbedingungen für kleine Ziffern sind einfach nicht mehr zeitgemäß. So klar muss das hier mal gesagt werden!
Jahrelang musste ich als Kind auf unserem Klo zu Hause lesen, dass der Druckspüler „pat. pend.“ war. Jahre vergingen und ich machte mir nichts draus. Bis ich dann erfahren musste, dass es sich um die Abkürzung des englischen „patents pending“ handelte. Das heißt, hier hatte mal wieder jemand was tolles erfunden, es war sogar eine brauchbare Anwendung gefunden worden, aber in englischer Sprache, nicht in deutscher, war jahrelang zu lesen, dass der Patentschutz immer noch nicht gegeben war. Ich kann nur hoffen, dass man uns damals einfach nur vergessen hatte, nachdem das Patent dann Anerkennung bekommen hatte, dass man also einfach nur vergessen hatte, den Druckspüler-Deckel bei uns zu Hause zu tauschen gegen einen mit der Aufschrift „pat.“ oder so oder wie die Engländer oder wie auch immer sagen oder schreiben.
Dass es dem Endlosz-Ahl dann in seinem Übermut voll an den Kragen ging, das muss jetzt leider auch hier erwähnt werden. Er wollte unbedingt eine Täto, und zwar, was anderes hätte es sein können, die Zahl Pi, wollte er auf seinem Körper sehen, wohl wissend, dass diese Aufgabe nur durch einen einzigen griechischen Buchstaben (groß oder klein!) oder durch eine unendlich-endlose Zahlenfolge lösbar ist. Der Tätowierer, er war Nebenfach-Mathematiker wie ich, entschied sich für die beweisbar nicht iteriende (das ist nichts Schmutziges, sondern ein wohdefinierter Fachausdruck dafür, dass sich keine Teilzahlenfolgen in der Gesamzahlenfolge wiederholen) Hinterkommastellenzahlenfolge und war bei der 45. Hinterkomma-Stelle angekommen, als ihn mangels Nahrungsaufnahme ein Unterzucker-Koma heimsuchte, aus dem er nie wieder aufwachte.
Und jetzt zum Schluss das Allertraurigste: Der Endlosz-Ahl, angesichts der unvollendeten Beschriftung seines Körpers summte ein letztes Mal voll depressiv die Unvollendete von Beethoven und stürzte sich dann auf Nimmerwiedersehen in das endlose Intervall zwischen 0 und 1, irreversibel. Traurig das Ganze, aber man kann nicht immer nur Fun und Comedy haben, die Kinder wollen doch schließlich auch mal wissen, wie es war, damals, und vordamals.
Wem das alles noch nicht reicht an Wahrheiten über die Geschichte an sich und die Kunst des Tätowierens insbesondere, der schlage mal nach bei Anna Nuehm, insbesondere unter Tattoo 1 und Tattoo 2.
© Ulf Runge, 2007
Handlungen und Dinge – Erinnerungen und Menschen
Leben 108 – Dienstag, 23.10.07
Zuerst sei da mal Brita erwähnt. Brita ist unser Wasserfilter. Wozu wir den brauchen? Habe ich mir damals auch gedacht. Und dann der erste Tee mit gefiltertem Wasser. Was war das für eine Farbe! Nicht trüb, sondern klar. Und der Geschmack hält, was die Gestalt verspricht. Wir haben ein exklusives Modell. Mit eingebauter „Uhr“. Wenn Du eine frische Filterkartusche einsetzt, dann drückt auf einen Knopf, bis vier Striche zu sehen sind. Für jede Woche ein Strich. Nach einer Woche verschwindet der erste, danach der zweite, nach vier Wochen blinkt die Anzeige. Dann heißt es Filter wechseln und das ganze geht von vorne los.
Brita hat etwas von Urlaub. Nach dem Urlaub wird ein neuer Filter eingesetzt. Und wenn Brita dann zum ersten Mal wieder blinkt, dann denke ich wehmütig daran, wie schön die Zeit vor vier Wochen war, dann denke ich, noch 10 mal Filter wechseln, und dann steht der nächste Urlaub vor der Tür. Wahrscheinlich wieder nach Schweden. Und möglichst auch wieder die Freunde dort besuchen.
Kurz gesagt: Brita blinken sehen heißt Urlaub. Nachfreude und Vorfreude. Denken an die Freunde im Norden.
Dann will ich die heutige Schleichwerbung mal fortsetzen mit unserem SodaClub Wassersprudler. Wozu wir den brauchen? Kohlensäurehaltiges Trinkwasser aus der Leitung. Ich habe es schon häufiger nachgerechnet, ich glaube wirklich, dass so ein Wassersprudler günstiger ist als Wasser kaufen. Und geschmacklich schmeckt das „erste Sahne“. SodaClub hat etwas von unseren Freunden in Stuttgart, bei denen wir den Wassersprudler das erste Mal gesehen haben. Auf die Taste am Sprudler drücke ich fast täglich.
Kurz gesagt: SodaClub erinnert stetig uns zuverlässig an die Freunde in Stuttgart.
Als ich das erste Mal bei Freunden gesehen habe, wie man Espressopulver einfüllt und fachgerecht zusammendrückt, habe ich das so tief verinnerlicht, dass ich heute noch bei jeder Tasse, die ich aufbereite, an die Freunde in Mainz denken muss. Wobei hier unbedingt erwähnt sein sollte, dass sich geschmacklich nichts anderes denken lässt als der gute Lavazza Rosso.
Kurz gesagt: Lavazzo Rosso einfüllen und trinken erinnert jedes Mal aufs Neue an die Freunde in Mainz.
Dies sind meine drei prominentesten Handlungen und Dinge, die mich vom Gegenständlichen zu den Erinnerungen und zu den Freunden führen.
Es passt nicht ganz in die obige werbefinanzierte Reihe von Assoziationen, aber ich will noch von den Steinen reden. Denen, die Du suchst, wenn Du am Ufer stehst. Flache Steine. Aufgrund unserer Berliner Herkunft haben wir sie immer Butterstullen genannt. Flache Steine. Die wir möglichst kunstvoll in den Rhein geworfen haben, auf dass sie tanzen mögen, zweimal, dreimal, selten auch öfter. Aber dann war man der größte, wuchs vor Stolz, fühlte sich unbesiegbar. Ja, da sind sie wieder, die Erinnerungen an schöne Zeiten in Köln…
So sehen uns die Gegenstände an, so nehmen wir die Dinge und HANDeln mit ihnen. Und so verselbständigen sich die Gegenstände und Handlungen in unserem Kopf zu Erinnerungen, vornehmlich an gemeinsame, bedeutsame Stunden mit anderen Menschen.
© Ulf Runge, 2007
Zoobesuch
Leben 107 – Sonntag, 21.10.07
Vier Warteschlangen. Überhaupt Warteschlangen! Sie hatten doch bloß in den Zoo gehen wollen. Okay, es war für die Jahreszeit überraschend schönes Wetter. Kalt, besonders im Schatten, aber trocken, schwach windig. Ein wunderschöner Herbsttag, powered by Goldener Oktober.
Logisch, dass jetzt alle noch mal raus wollten. Aber mussten den alle heute in den Zoo gehen?
Jetzt standen sie hier ungefähr 40 Minuten vom Zooeingang getrennt. Mehrere Warteschlangen wollten nach Möglichkeit zuerst Eintritt bekommen. „Wie wäre es, wenn wir uns verteilen? Jeder geht in eine andere Reihe. Und wer am schnellsten ist, dort kommen wir zusammen und zahlen, okay?“ Gute Idee, fanden seine Begleiterinnen, man beratschlagte, welche drei Schlangen am schnellsten voran kommen würden.
Und so standen sie sich die Füße in den Bauch, mal im kalten Schatten, dann wieder in der wohltuenden Mittagssonne. Immer wieder Blickkontakt. Wo ging es denn nun am schnellsten voran? Natürlich in der Schlange, in der sie alle drei nicht standen. Aber das hatte er vorher schon geahnt. In seinem Alter war ihm klar, dass man sich immer für die falsche Schlange entschied. Und in seinem Alter war ihm auch klar, dass das trotzdem einen Sinn haben könnte. Der ihm natürlich aktuell verborgen blieb.
Verkäufer trugen Bretzeln vorbei, Bretzeln preisten sie an, dann war die Rede von Knut-und-Lars-Bretzeln. Dadurch wurden sie wahrscheinlich um mindesten 50 Cent teuer, mit Sicherheit für einen guten Zweck, sprich den Bretzelbäcker.
Seine Schlange war dann die zweitschnellste, seine Begleiterinnen fanden sich wieder bei ihm ein. Nur noch ungefähr 4 Familien waren vor ihnen. Das könnte jetzt höchstens noch fünf Minuten dauern.
Da fiel ihm eine Geschichte von früher ein. Wenn sie aus dem Schwimmbad gekommen waren. Mit dem Rad vom Müngersdorfer Stadion zurückfuhren. In Ehrenfeld beim Strohhut Pause machten. Die mindestens beste Frittenbude Deutschlands aufsuchten. „Und dann standest Du da, nur noch zwei Leute vor Dir. Und der vor Dir, der bestellt auf einmal 20 Portionen Pommes Frites! Könnt Ihr Euch vorstellen, wie lang das gedauert hat, 20 Portionen Fritten? Seitdem sag ich immer: Ihr seht niemanden an, wieviele Portionen das sind. Hihihi.“ Er lachte heftig, während seine Begleiterinnen wohlwollend grinsten, weil, sie kannten die Geschichte, die war nun nicht wirklich neu.
So, noch eine Person stand vor Ihnen. „Reiseleiter“ hörten sie ihn sagen. „Bus“ verstanden sie. Er hatte einen kompletten Bus, 90 Eintrittskarten bräuchte er.
Gut, dass es nicht 90 Portionen Fritten sind, dachte er bei sich.
Bei aller Optimierung hatten sie es geschafft, in der langsamsten aller weltweit langsamen Zoo-Schlangen zu stehen. Wer weiß, wozu es gut war. Alles hat irgendwie seinen Sinn. Und Zufälle gibt es nicht…
© Ulf Runge, 2007
Setz Dein Segel nicht
Leben 106 – Samstag, 20.10.07
Er sah in den Rückspiegel. Eine hübsche Frau saß da am Lenkrad. Wartete wie er darauf, dass es nun endlich mal grün würde. Die Superverkehrsplaner ließen sich immer wieder neue Schikanen einfallen, den Verkehr künstlich zu verlangsamen. Er sah in den Seitenspiegel. Strahlende Augen sahen ihn an, nein nicht direkt ihn, aber sie guckten in seine Richtung, und als ihre Blicke sich trafen, wechselte er in den Rückspiegel.
Grün! Es war grün geworden. Hektisch legte er den Gang ein, fuhr mit quietschenden Reifen los, Kavaliersstart, was sonst die Halbstarken machen, eigentlich nicht seine Art, nein, er wollte auch nicht imponieren, das war ihm zufällig passiert.
Hinter ihm sah er die hübsche Frau lachen. Sie machte sich wohl lustig über ihn. Schon wieder kamen sie zu stehen. Noch eine rote Ampel. Sie blickten sich an, ihre Augen wichen einander nicht mehr aus. Ein kleiner Auffahrunfall, so ganz langsam, und wir müssten unsere Adressen tauschen, grinste er sich nach innen, wurde sich bewusst, was er da für einen Blödsinn dachte.
Sie fing an, mit dem Kopf zu wippen. Wohl ihre Lieblingsmusik.
Er verstellte seinen Sender, denn was er da hörte, passte absolut nicht zu ihren Bewegungen.
Grün! Gang eingelegt, den Sender nochmal gewechselt, ja, das passte jetzt! „Dieser Weg“ von Xavier Naidoo, das passte, das Lied mochte er auch. „Setz Dein Segel nicht“, las er von ihren Lippen ab. Sie fuhr immer noch hinter ihm her. Im Gewerbegebiet würde sie wohl abbiegen, während er zur Autobahn musste.
So ein Mist, jetzt ging auch die Tankleuchte an, er musste rechts rein zur Supermarkt-Tankstelle. Adieu, hübsche Frau, fahr noch schön „deinen Weg“.
Schlüssel rum und rausgezogen, Tankdeckel aufgeschraubt, Zapfpistole rein, cool ans Auto gelehnt. Als er merkt, dass sie auch abgebogen war, auch zur Tankstelle gefahren war, an der Zapfsäule gegenüber tankte, auch ans Auto gelehnt war, obercool. Grinsend. Frech-freundlich zu ihm rübergrinsend.
Zufälle? Die gibt es ja nicht. Sie war etwas schneller fertig mit dem Tanken, vielleicht hatte sie auch nur etwas früher aufgehört, wer weiß. Sie ging zur Kasse, als er eiligst beschloss, dass sein Tank auch voll sei, und ebenfalls schnell zur Kasse lief. Er hörte seine Halsschlagader pochen, war total aufgeregt, stand hinter ihr, sog ihr schweres, die Sinne betäubendes Parfüm ein.
„Säule?“ Irgendjemand sprach ihn an. Ja, richtig, die Hübsche hatte bezahlt, und er sollte nur sagen, wo er getankt hatte. Er blickte zu seinem Auto, sah wie sie einstieg, rief der Kassiererin ein hastiges „Drei“ zu, legte einen Fünfzig-Euro-Schein hin, und bekam noch ein paar Münzen raus.
Selten schnell startete er seinen Wagen, fuhr Richtung Autobahn, denn dahin hatte er sie entschwinden sehen. Fuhr mit 80 Sachen die Auffahrt hinauf, etwas schnell für die Kurve, aber wer soll schon hier? Als es ihm heiß und kalt wurde gleichzeitig, Stau!!! Direkt vor ihm, er stieg in die Bremse und rammte den Wagen vor ihm ganz leicht, beim Springreiten sagen sie immer touchieren, ja, er touchierte seinen Vordermann, Vordermann? Von wegen. In diesem Auto saß sie! Er riss seine Wagentür auf, stürmte nach vorne, und sah, dass sie total blass war. Da sie noch ein älteres Modell fuhr, war auch kein Airbag aufgegangen, aber der Gurt hatte wohl das Schlimmste verhindert.
„Das hätten wir auch leichter und früher haben können!“ grinste sie ihn an, nachdem sie realisiert hatte, wer ihr da hinten reingefahren war. Er öffnete vorsichtig die Tür, bot ihr Halt an, und so gingen sie vorsichtig zum Randstreifen.
Erstehilfemäßig, wohldistanziert, berührten sie sich, er voll Sorge, ob sie einen Schock hätte, während ihr heiß und kalt wurde, die Schweißperlen von der Stirn tropften. So standen sie da, nicht wie ein Liebespaar, nicht wie zwei Turteltauben, eher wie zwei Herbergsuchende, einander Wärme spendend in tiefer Winternacht.
Eine Ewigkeit später, also vielleicht nach zehn unendlich langen Minuten, war der Krankenwagen da. Im Krankenhaus riet man ihr, sie solle noch ein bisschen zur Beobachtung bleiben, abends würde man sie dann nach Hause bringen.
Er kümmerte sich um die Autos, um ihres und um das seine. Nur ein bisschen Stoßfänger, sonst nichts. Jetzt hatte er also ihre Adresse. Das war eine wohltuende Wärme, die er gespürt hatte, als er sie in den Armen hielt.
Während sie sich noch etwas ausruhte im Krankenhaus, grinste sie vor sich hin, war zufrieden mit sich, der Trick mit dem Radiowippen lässt die Männer einfach anbeißen, und das geht am besten mit „Bad moon rising“ von CCR. Der war richtig nett, richtig besorgt, und sein After Shave war einfach nur hip! Und seine Stimme. Die hatte was. Und die Augen! So ein Mann!
Sie würden sich wiedersehen, es würde eine schöne Zeit werden. Nur, was hatte er vorhin gemeint mit „Setz Dein Segel nicht“?
© Ulf Runge, 2007



Angemerktes