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Leben 90 – Samstag, 29.09.07 – Ebbe und Flut

Das Meer hatte zwei Kinder.

Eines der beiden, die Flut, war groß und stark geraten. Das andere aber, die Ebbe, war zierlich und schwächlich.

Wann immer die beiden miteinander spielten, kam es zum Streit. Die Flut war so riesig, dass man die Ebbe nicht mehr sehen konnte, wenn sie sich berührten. Fortan gingen sie sich aus dem Weg und vermieden jeden möglichen Kontakt.

Das Meer war darüber sehr traurig und bat den Wind, die beiden doch zusammenzubringen, damit sie sich mal aussprächen.

Mehrmals schlug der Wind den beiden einen Termin vor. Doch zu einem Treffen kam es nicht.

Als nämlich die Flut am vereinbarten Treffpunkt erschien, wartete sie vergeblich. Nirgendwo war die Ebbe zu sehen. Und je länger die Flut auf die Ebbe wartete, um so schwächer fühlte sie sich, bis sie schließlich total kraftlos einschlief.

Auch die Ebbe wartete vergebens, doch je länger sie wartete, desto stärker fühlte sie sich und wunderte sich über die merkwürdige Veränderung, die in ihr vorging.

„Wind! Teile der Ebbe mit, dass sie mir gestohlen bleiben kann!“ rief die Flut. Einen ähnlichen Auftrag erhielt der Wind von der Ebbe.

Da sprach der Wind zu den beiden: „Euch ist der größte Spiegel gegeben, den diese Welt zu bieten hat. Schaut in diesen, schaut in Euch hinein, und Ihr werdet erkennen, dass Ihr Zwillinge seid, untrennbar miteinander verbunden, dass der einen Schwäche die Stärke der anderen ist.“

Nun aber erkannten die Zwillinge, dass sie zwei völlig verschiedene und doch gleichwertige Geschwister sind, die nur gemeinsam existieren können.

So kommen Ebbe und Flut heute noch täglich abwechselnd vorbei, um uns zu mahnen, dass wir im Anderen immer wieder neu einen Teil von uns selber entdecken und schätzen lernen.

© Ulf Runge, 2007

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  1. 29. September 2007 um 07:54 | #1

    Lieber Ulf, das ist eine wunder-wunderschöne Geschichte. Für mich, die das Meer sehr liebt, besonders. Hab richtig Gänsehaut bekommen…Vielen Dank. Ein schönes Wochenende, Andrea

  2. Renate
    29. September 2007 um 10:26 | #2

    Sehr schöne Metapher!

    Lieber Gruß von Renate

  3. Ulf Runge
    30. September 2007 um 00:23 | #3

    Liebe Andrea,

    da freue ich mich aber, wenn ich sogar schaffe, bei Dir Gänsehaut zu erzeugen. Danke für Dein Kompliment.

    Liebe Grüße,
    Ulf

  4. Ulf Runge
    30. September 2007 um 00:24 | #4

    Liebe Renate,

    danke, da freue ich mich sehr, wenn Dir diese Parabel gefallen hat.

    Liebe Grüße,
    Ulf

  5. 30. September 2007 um 01:25 | #5

    Hallo Ulf,

    ich möchte dir an dieser Stelle für die wunderbaren Geschichten aus dem Alltag und diese Parabel zu passender Zeit danken.

    Da ich als Astrologin immer gern Geschichten und Bilder nutze, um etwas greifbarer und plausibler zu machen, kann ich nur sagen, eine bessere Metapher für das Zeichen Waage hab ich selten gelesen.

    Bitte weiter so – vor allem mit den Geschichten aus dem Alltag!

    Liebe Grüße,
    Irene Dietrich

  6. Ulf Runge
    30. September 2007 um 01:38 | #6

    Liebe Irene,

    danke für dieses liebe Kompliment! *freu*

    Liebe Grüße,
    Ulf

  7. Ulf Runge
    30. September 2007 um 23:47 | #7

    Liebe Irene,

    jetzt weiß ich endlich, was ein Pingback ist.
    Alles ist irgendwann mal das erste Mal ;-)

    LG, Ulf

  1. 30. September 2007 um 06:21 | #1