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Archive for 28. September 2007

Leben 89 – Freitag, 28.09.07 – Angelegt

Er öffnete diese Tür, von der er sicher war, dass sie vorher noch nicht dagewesen war, oder sollte er besser sagen, dass er sie vorher noch nicht wahrgenommen hatte? Er nahm den Griff in die Hand und wartete, bis sich seine Augen an das heraustretende Dunkel gewöhnt hatten, dann trat er vorsichtig nach vorne, nur einen Schritt erst einmal. Der Boden war feucht und glänzte, es roch nach Teer, vermutlich handelte es sich um eine Trittschalldichtung aus Bitumen.

Tim hätte man in die ganze Welt schicken können, von heute auf morgen, jetzt gleich und sofort, er hatte alles im Rucksack, was er so zu brauchen meinte. „Zahnbürste und Zahnpasta kann ich mir überall auf dieser Welt kaufen!“ sagte er immer ironisch, wenn er auf das Ausufernde seines Rucksacks angesprochen wurde. Nein, Zahnpflege hatte er wirklich nicht dabei, sein Spruch war schon irgendwie ernst gemeint. Dafür war er mit den vielen anderen Dingen des Lebens wirklich gut gerüstet.

Laptop und Handy, für beides jeweils noch das Ladekabel, von den allerwichtigsten Dokumenten einen tagesaktuellen Ausdruck, Tagebuch, Notizblöcke, Minen-Druckbleistifte, mindestens drei mussten es sein, Ersatz-Bleistiftminen mit 0,7mm Durchmesser, Härte 2B, zwei Radiergummis, diverse Ausweise, insbesondere Impf-, Blutspende- und Organspendepässe, allerwichtigst Nähzeug, falls es mal galt einen Knopf anzunähen oder annähen zu lassen, Wundpflaster sowie eine Taschenlampe.

Auf diese Taschenlampe war er besonders stolz. Die hatte er sich mal schenken lassen. Wobei er seinen Wunsch zwar ohne großes Nachdenken locker vom Hocker in den Raum gestellt hatte, damals. Und die, die es ihm schenken wollten, die verzweifelten fast, weil so ein Teil – damals jedenfalls – beinahe nicht aufzutreiben war. Es sollte eine Taschenlampe sein, die man am Kopf befestigen konnte und ebenso gut in der Hand halten. Nun lag da wirklich dieses exquisite Teil an seinem Geburtstag auf dem Geschenketisch, und seine Freude war unbeschreiblich, riesig. Ein schwarzes Stirnband, das mit einem Klettverschluss beliebig passend gemacht werden konnte. In das Band eingearbeitet war eine Hülle, in der die extrem schlank gearbeitete Lampe einen sicheren Halt fand.

Tim war froh, dass er all diese Dinge jetzt dabei hatte, im Rucksack, auf dem Rücken. Obwohl es nahezu zappenduster war, wusste er, wo hingreifen, fingerte nach seiner Taschenlampe, umschloss sie mit der rechten Hand, verschloss wieder sorgfältig den Rucksack, drehte vorne an der Lampe, nichts, drehte noch mal vorne, wieder nichts, nochmal, nichts, hin und her, nichts! Die Lampe blieb aus. Tim im Dunkeln. Blieb im Dunkeln. Ja, er hätte wohl ab und zu mal den Ladezustand überprüfen sollen, von seiner Taschenlampe, okay, das war jetzt nicht gut gelaufen. Haste alles dabei, sinnierte er vor sich hin, doch das, was er jetzt wirklich brauchte, dann, wenn man es wirklich einmal brauchte – vergiss es, dachte er, ich muss da jetzt durch, egal wie.

Er musste wirklich, weil er spürte, dass der minimale Lichtschein von der Tür her, von da, wo er hergekommen war, verlosch, verloschen war, weil die Tür zu war, zugefallen war. Oder jemand hatte nachgeholfen, sie zu schließen.

Auch egal, konzentrier Dich, denk mal nach, was hier eigentlich abgeht – als plötzlich das Licht an ging, er stand in einem modern eingerichteten Wohnzimmer, nein, das war nicht wirklich sein Stil, ein kühles, kaltes, steriles Ambiente suchte sich den Weg in seine Augen. Er setzte sich auf das Sofa, als er die Handbewegung des schon darauf sitzenden Mädchens als Einladung deutete, sich neben sie zu setzen. Ein fremdes Mädchen, nicht unfreundlich, fremd irgendwie, befremdlich, sie sah aus wie aus der Retorte, sie sah aus wie das Mädchen, dass Tims Tochter Melanie ihm gezeigt hatte. „Sieh mal, das hier bin ich!“ hatte sie zu ihm gesagt, als sie ihm am Gameboy dieses Mädchen gezeigt hatte, mit dem Hinweis, dass das sie selber sei, natürlich nur in diesem Spiel.

Und jetzt saß er neben Melanie, der Melanie aus dem Spiel, und konnte nicht fassen, was das hier zu bedeuten hatte.

Auf einmal war ihm Melanies Antwort ganz dicht, Melanies Antwort auf seine Frage, wo er denn in dem Spiel vorkomme, gar nicht komme er da vor, ob sie ihn auch in dem Spiel „anlegen“ solle, das sei ein leichtes, ja, das fände er ganz witzig, und überhaupt meinte Melanie dann noch, Ferien gebe es keine in dem Spiel und wenn er denn wolle, könne er dort auch den Tagesschau-Wetterkarten-Wolkenfilm gucken, den würden die da auch haben…

Es war ihm so, als seien nur wenige Sekunden vergangen, dass er aus Melanies Zimmer gegangen war, ein breites Grinsen im Gesicht, so jetzt legt sie mich bestimmt gleich an, dachte er so bei sich, und dachte sich, was es heute nicht alles gibt. Mit Wikingautos hatte er gespielt. Und mit Lego. Und den Wasserstand von Konstanz und Rheinfelden über Iffezheim und Bingen bis Koblenz und Köln gehört. Virtuelle Spiele? Flipper spielen bis er tilt, ja das hatten sie gemacht, aber sich selbst neu erschaffen, einen (nicht unbedingt schönen) Clon von sich erstellen, nein, das war ihm fremd.

Er stand auf, ging ins Bad, sah in den Spiegel und verlor die Fassung. Das! Das war nicht er. Er sah genauso synthetisch aus wie das nette Mädchen, aber er fühlte sich nicht synthetisch. Was ging hier ab?

Die Badezimmertür öffnete sich, sie sah an die Zimmerdecke, flüsterte ihm zu, dies sei der einzige abhörsichere Raum im ganzen Haus, er solle sich keine Sorgen machen, man würde auch ihn so gut behandeln wie sie, ab und zu müsse er halt mal etwas Leistung bringen, wenn das Mädel da oben auf den Tasten rumackern würde.

Er solle bloß nicht so gucken, das sei ihr auch so gegangen, Tatsache sei, da oben gebe es weiterhin einen Tim – just in diesem Augenblick vernahm Tim seine eigene Stimme –„So, jetzt hast Du mich auch in diesem Spiel angelegt? Du schreckst auch vor nichts zurück!“ Grinsend blieb er bei ihr sitzen.

„Sieh mich nicht an wie ein Ufo!“ sagte Melanie zu Tim, die Melanie aus dem Spiel zu dem Tim aus dem Spiel. „Die Sache ist gelaufen. Ich war sogar schon mal zurück. Habe erzählt von meinem Aufenthalt hier. Weißt Du, was die mir gesagt haben? Dass ich das geträumt habe, dass ich nicht die Wirklichkeit verwechseln solle mit dem Spiel, was willst Du da noch sagen? Seitdem buche ich das alles unter Traum. Du tust gut daran, alles was Dir fremd vorkommt, einfach so zu nehmen, wie es ist. Du glaubst doch nicht, dass Dir jemand glaubt, dass Du mal für ein paar Tage in so einem Gameboy-Spiel mitgemacht hast!“

Lachte und verschwand. Er hörte Ihr Lachen, das der befremdlichen Melanie, noch lange nachhallen.

Wenn er je aus diesem Traum oder Nichttraum auswachen würde, er würde nichts erzählen. Das hatte er sich vorgenommen. So etwas Absurdes glaubt einem wirklich niemand.

Am nächsten Abend saß Tim an Melanies Bett und fragte, ob er eine Geschichte erzählen solle, er habe sich da etwas ausgedacht, vielleicht etwas skurril, sie solle erst mal zuhören.

Doch dazu kam es nicht mehr, weil Tim, der aus dem richtigen Leben, nicht so recht glauben wollte, dass das ganze mehr war als nur ein Traum. Den man besser nicht erzählt. Oder?

© Ulf Runge, 2007

 

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