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Leben 87 – Mittwoch, 26.09.07 – Autokorso
Hallo! Waren Sie heute abend auch auf dem Autokorso? Haben Sie auch Ihre Deutschlandfahnen ans Auto gesteckt? Sind hupenderweise durch Ihr Dorf, Ihre Stadt gefahren?
Haben sich zu den anderen auf die Straße gestellt, bis nichts mehr ging an Autoverkehr. Haben geklatscht bis zum Umfallen. Heute beim Public Viewing mit anderen Fans Biergartenatmosphäre aufkommen lassen.
„Neid! Neid! Neid!“ gerufen. Um neidlos einzugestehen, dass Sie den Namen der deutschen Trainerin kennen. Und natürlich wissen Sie, dass Frankfurt Deutscher Meister ist. Nein, nicht die Eintracht. Sondern der 1. FFC. Hört sich zwar etwas befremdlich an, aber so isses.
Nein, nicht „kleines dickes“ Müller hat heute ein Tor geschossen, die erfolgreiche Jokerin heißt Martina mit Vornamen.
Und Prinz ist auch nicht ein aus der Mode gekommener Kleinwagen eines ehemaligen Automobilbauers aus Neckarsulm, Prinz ist gepflegte Spielkultur, Fußball vom Feinsten, „unsere“ Spielführerin.
Wenn Sie dann heute Nacht um zwei nach Hause kommen und freudetrunken mit heiserer Stimme sich an diesen historischen Abend zurückerinnern, Revue passieren lassen, wie „wir“ Norwegen besiegt haben, dann werden Sie sicherlich denken, das war damals beim Klinsi fast genau euphorisch wie jetzt. Und sie werden sich denken, ja, ja, die Erinnerung, die verklärt einfach die Dinge!
Natürlich werden Sie am Sonntag eine Grillparty anlässlich der Live-Übertragung im Ersten organisieren. Den ganzen Abend haben Sie schon Ihre Freunde und Bekannten angerufen, doch die meisten waren bereits zu einer anderen Endspiel-Party eingeladen. So werden es wohl nur ca. 10 Gäste sein, die sich bei Ihnen im Garten versammeln werden. Es wird auf jeden Fall eine megamäßige Party werden. Bei Regen in der Garage.
Und es ist noch „schlimmer“ als im letzten Jahr. Nur noch brasilianische Flaggen und das Sternenbanner bekommt man zu kaufen, die Deutschlandfahne ist restlos ausverkauft. Die Stimmung im Land ist getragen von einer Welle der Euphorie. Frau Merkel will Ihre Klimamission für ein paar Tage unterbrechen, um das Endspiel vor Ort zu besuchen, die Wirtschaftsweisen und die Bundesanstalt für Arbeit sehen erheblich positive Impulse für den deutschen Arbeitsmarkt, und „Der Kicker“ erwägt die Herausgabe einer eigenständigen Frauenfußballausgabe. Um dem Zuschauerschwund im Männerfußball Einhalt zu gebieten, liegen erste Vorschläge für die Einführung von gemischt geschlechtlichen Teams vor, was nur ein Schmunzeln in der Damenwelt hervorrufen kann. Der Männerfußball ist einfach auf dem absteigenden Ast, es gibt immer noch genügend Hart- und Sand-Plätze, auf die die Herren der Schöpfung zurückgreifen können.
So, ich muss jetzt wieder an den Fernseher, die haben ja das Programm geändert, überall kommen jetzt live-Interviews und noch einmal Zusammenschnitte aus den letzten Tagen. Nach der Zusammenfassung „Auf dem Weg ins Finale“ sollen in den kommenden drei Tagen bis zum Endspiel noch einmal alle Länderspiele der deutschen Mannschaft von der WM 2003 in voller Länge wiederholt werden. Morgen ruf ich an in der Firma, ich brauch jetzt frei bis zum Finale!
© Ulf Runge, 2007


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