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Leben 86 – Sonntag, 23.09.07 – BLINK

Er war nicht gut drauf. Aber er war selber schuld. Zu spät ins Bett gegangen. Und wollte zu früh aufstehen. Passte nicht zusammen. Beides. Nein, nicht dass er zu spät in die Firma gekommen wäre. Es war Samstag. Er hatte frei.

Bäume hätte er heute ausreißen wollen, und nun stand die spätsommerliche Sonne auch schon am späten Morgenhimmel. Ein herrlicher Tag. Was hätte man in den zurückliegende Stunden schon alles erledigen, bewegen, ausrichten können? Und was davon war passiert? Er hatte vor sich her geschlafen. Stand nun etwas verloren in der Küche, unschlüssig, ob sich Frühstücken überhaupt noch lohnte. Oder gleich duschen und ab zum Markt. Da konnte er nicht beliebig spät vorbeischauen.

Er hätte etwas freundlicher sein können zu seinen Lieben, die ihn hatten etwas länger schlafen lassen. Es fiel ihm schwer, wie sollte er charmant sein, wenn er sich doch selber nicht leiden konnte! Nein, sagte er sich, es ist Samstag, das Frühstück lasse ich nicht ausfallen, dann runter unter die Dusche, ab zum Einkaufen.

Ein mürrisches Etwas fuhr in die große weite Welt, um zu tun, was getan werden musste.

Apotheke. Dies und das, noch ein Rezept zahlen. Fertig. Die Apotheken-Zeitung mitnehmen und – BLINK – was war das? Er war schon auf dem Sprung nach draußen, sagt ihm die Dame, sie hätten da noch eine andere Zeitung, die sei auch sehr gut. Die solle er ruhig auch mal mitnehmen. Kostenlos? Ja, natürlich kostenlos.

Seine Laune stieg, ohne dass er es aber zu zeigen bereit gewesen wäre. Die waren immer nett und freundlich dort, aber heute war es dazu angetan, seine Stimmung ein bisschen zu heben.

Bäckerei. In diese Bäckerei war er schon lange nicht mehr gegangen, er war mal sehr sauer gewesen, weil er mitbekommen hatte, dass ein kleines Kind vom Personal total ignoriert wurde, bis er dann eingeschritten war. Und gerade heute sollte / wollte er hier ein Brot kaufen. Und Brötchen. Stellt sich hinten an, vor ihm eine größere, unstrukturierte Menschentraube. Ich habe Zeit, denkt er sich, überfliegt den Einkaufszettel, ist noch weit weg von einem euphorischen Wochenende. Okay, gestern Abend, das war ein richtiges Highlight, will er gerade zu denken anfangen, als die soeben noch da gewesene Menschentraube gepflückt ist, verschwunden, vor ihm nur noch eine Kundin, hinter dem Tresen schauen ihn gleich drei Bedienungen an, wollen wissen, was er denn, ob sie denn ein Dinkelbrot hätten, eine der drei Verkäuferinnen greift den Faden auf, oh, wenn sie etwas wirklich hätten, dann Dinkelbrot, – BLINK – lächelt sie ihn an, zeigt mit der Hand auf die mehr als zehn Dinkelbrote, oh, das sei prima, er brauche nur eins, ja selbstverständlich, sagt sie, packt es ein. Lächelt ihn an. Penetrant freundlich. Nicht aufdringlich. Und auch nicht aufgesetzt. Einfach nur freundlich.

Vielleicht spürt sie, dass sie ihn gerade aus einem Stimmungstief holt. Vergleichbar einem Aufstieg, auf den Berg, aus nebligem Tal, nach steilem Weg, über Baumwurzeln und Geröll. Die Schwaden lichten sich, erste Sonnenstrahlen durchbrechen die feuchte Luft, der Gipfel ist auf einmal sichtbar, scheint plötzlich zum Greifen nah.

Ob er noch etwas, ja, Brötchen, Vollkornbrötchen, die da und jene. Lächeln. Sie bleibt bei ihrem unverändert freundlichen Lächeln. Eine Nuance freundlicher als nur höflich, eher ein aufgeschlossenes Lächeln. Ein wissendes? Merkt sie, dass hier vor ihr gerade eine Metamorphose passiert? Der Mega-Kotzbrocken wird gerade zum friedlich-freundichen Zeitgenossen.

Gut so, dass das passierte. Andernfalls hätte die Marktfrau ihn nicht wiedererkannt. Möglicherweise gefragt, ob heute etwas passiert sei. So kommt es zum freundlichen, nur auf den ersten Blick belanglosen Gespräch mit „seiner“ Marktfrau, das er nicht missen möchte, ohne das ein Samstag fast keiner für ihn ist.

Ja, ab jetzt heißt es nur noch ansteckend lächeln. Dem Imker über den tollen Erfolg berichten, den seine Bienensalbe in Kombination mit den Propolis-Tropfen erzielt habe, dass die erfolglose Behandlung mit einer Cortisonsalbe endlich überwunden sei, dass er ihm für den Tipp ganz herzlich danke. Ein überrascht froher Imker sieht ihm noch lange nach…

Es wurde noch ein schöner Samstag für ihn. Und wohl auch für die, die es mit ihm aushalten müssen…

Es ist schon wieder kurz nach Mitternacht. Und morgen will er spätestens um sieben aufstehen. Gleich wird er sich den Wecker stellen. Gleich wird er ins Bett gehen wollen. Und dann kann es ein guter Sonntag werden. Er kann ja schließlich morgen nicht schon wieder ein Brot kaufen gehen, in dieser Bäckerei…

© Ulf Runge, 2007

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  1. Mo
    23. September 2007 um 11:06

    Aber am übernächsten Tag vielleicht ;-)

  2. 23. September 2007 um 20:46

    schön dieses Stimmungs-Barometer… Ja, manchmal steht man mit den falschen Bein auf und dann kann ein Lächeln (ich glaube, das hatten wir letztens schon mal) vieles verändern…also keep smiling :-)

  3. Ulf Runge
    26. September 2007 um 22:10

    Liebe Mo,
    ja das Brot ist alle, aber ich glaube, ich komme erst wieder am Samstag dazu ;-)
    LG, Ulf Runge

  4. Ulf Runge
    26. September 2007 um 22:13

    Liebe Andrea,

    früher Vogel fängt den Wurm heißt es ja.
    Und Du meinst: Spätes Bein ist falsches Bein?
    :-)
    LG, Ulf

  5. 27. September 2007 um 07:12

    Lieber Ulf, ich meinte eher, lieber spätes Bein als gar kein Bein:-)lgr Andrea

  6. Ulf Runge
    28. September 2007 um 00:14

    @Andrea: Lieber beinlich als peinlich ;-)

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