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Leben 84 – Mittwoch, 19.09.07 – Technik hat eine Seele

19. September 2007 2 Kommentare

Es ist allseits bekannt, dass ich, sagen wir mal, in der Regel nur unbedeutend zu früh am Bahnhof auftauche. Um dies erfolgreich zu bewerkstelligen, müssen die folgenden Bedingungen gegeben sein: Die Haustür darf nicht mehr abgeschlossen sein, der Autoschlüssel passt beim ersten Versuch in das Schloss, die Gangschaltung hakt nicht, der Rückwärtsgang rutscht nicht durch.

Dies genügt dann, um zeitgleich mit dem Zug in den Bahnhof einzufahren, den Rucksack, die Krawatte, den Gürtel und den Regenschirm zu schnappen und dann als Letzter auf den Zug bei noch geöffneter Tür aufzuspringen.

Der Zug fuhr ein. Ich auch. Ein älterer Mann beobachtete mein rasantes Einparken. Das kann noch reichen. Das muss noch reichen! Jetzt sitzt jeder Handgriff. Radio aus. Licht aus. Zündung aus. Schlüssel ziehen. Tür auf. Was ist jetzt? Ein Klacker-Geräusch, die Tür bleibt zu, lässt sich nicht öffnen. Was soll das denn?

Nun muss man wissen, dass die Macht im Auto ungleich verteilt ist. Der Fahrer ist selbstverständlich in der Lage, den Beifahrer zu entmündigen, indem das rechte Außenfenster nur noch nach Einwilligung durch den Fahrer bedient werden kann. Und dann gibt es da einen Zentralverrriegelungschalter, an den ich wohl gekommen sein muss. Damit böse Menschen nicht ins Auto eindringen können, etwa wenn man ihnen den Vogel gezeigt hat, oder wenn es dunkel ist auf einsamer Straße. Dieser Schalter ist in die Fahrertür integriert. Mein Ellenbogen wird ihn wohl nachhaltig außer Funktion gesetzt haben.

Jetzt war nur eines angesagt: Cool bleiben! Ich blieb also Cool. Was auch immer „Cool bleiben“ bedeuten mag. Da drüben stand mein Zug, pünktlich wie immer, wenn er ruhig mal ne Minute später fahren könnte. Hektisches Drücken beliebiger Tasten im Fahrersteuerungszentrum half nicht. Die Schrott-Tür wollte nicht aufgehen. Was tun? Zündschlüssel wieder rein, linkes Fenster runterfahren, mit dem Autoschlüssel die Tür durch das geöffnete Fenster öffnen. Okay, das gelang dann, parallel zum Abfertigungspfiff des Zugbegleiters, parallel zum Anfahren des Zuges.

Der Zug war weg. Das muss hier jetzt einfach konstatiert werden.

Ebenso sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass ich in der Nachbarstadt die Gelegenheit nutzen durfte, schon zu so früher Morgenstund einen Doppio und ein Rosinenbrötchen zu genießen; Buttercroissants sind hier nicht so der Renner.

Diese Begebenheit erzählenderweise habe ich mir dann sagen lassen müssen, dass technische Gebrauchsgegenstände des Alltags sehr wohl eine Seele hätten, und dass mein nicht so pfleglicher Umgang beim morgendlichen Start des Autos möglicherweise jetzt diese heute erlebte Situation zum Ergebnis gehabt hätten.

Stimmt. Kann ich nur sagen. Technik hat eine Seele.

© Ulf Runge, 2007

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