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Archive for 18. September 2007

Leben 83 – Dienstag, 18.09.07 – Bei den Grauhörnern (5)

Little Chief hatte sie höchst dringlich zusammengetrommelt zu einem wichtigen Meeting. Schweigend saßen sie um den Tisch herum. Was er wohl von uns will, gibt es mal wieder einen Rundumschlag, war mal wieder alles schlecht gewesen? Auf alles gefasst saßen sie, Lämmern gleich, kurz vor dem Gang zur Schlachtbank.

Nachdem sie sich fünf Minuten angeschwiegen hatten, fünf Minuten können lang sein, Du fängst an zu zählen, um ruhig zu werden, bist irgendwann bei 30, siehst auf die Uhr, Dein Handy, fingerst an der Tastatursperre rum, siehst aus dem Fenster, siehst den anderen ins Gesicht, wissen die schon mehr als Du, dachte Benny, seine Spannung stieg ins Unermessliche.

Er habe sie zusammengerufen, sagte Little Chief plötzlich, nein, das Sprechen hatte er also doch nicht verlernt, aber es waren Pfeile, die da aus seinem Mund geschleudert wurden, Pfeile mit Spitzen, man wusste nur nicht, ob sie giftig waren, giftig genug zu töten, das wusste man nicht, aber man war sich sicher, giftig genug, um die Atmosphäre zu vergiften. Er habe sie zusammengerufen, weil er ihnen seine Entscheidung mitteilen wolle. Nämlich, dass er sich entschieden habe, die Stelle seines Stellvertreters zu besetzen. Aha! Ey, gut, dachten alle. Ey gut, wer denn? Dachten alle. Wer denn, frug einer von ihnen. Grinsen, breitestes Grinsen, die Arroganz bleckte ihre Zähne, kam zu ihnen herüber. Darüber wolle er noch nicht reden. Doch sein Entschluss sei gefallen. Er müsse das jetzt nur noch mit der Perso und wenns denn sein müsse mit den Arbeitnehmervertretern behandeln, egal wie, sein Entschluss stünde fest, daran sei nichts zu rütteln.

Sie verließen den Raum, ratlos, zumindest taten sie so, ob denn einer wisse, alle zuckten mit den Achseln, das könne nur einer von draußen sein, von ihnen käme bestimmt keiner in Frage.

Benny fühlte sich verkackeiert wie nie zuvor. L.C. hatte ihm mal gesagt, dass er großes mit ihm vor habe. Das hat der bestimmt allen erzählt, die es wissen wollen, dachte er sich. Benny ging ins Intranet und dachte sich, das muss ich mir doch angucken, fand sofort die entsprechende Stelle in einer Ausschreibung, die mal gerade einen Tag alt war.

Benny fasste den Entschluss, der ihm Klarheit bringen sollte, über seinen Job, über sein Verhältnis zu L.C. Setzt sich hin, bewirbt sich intern auf genau diese Stelle. Entweder er ist sowieso gemeint, dann war das vorhin ja geradezu eine Aufforderung, dass er sich bewerben solle, sozusagen durch die Blume gesagt.

Oder jemand soll da reingemauschelt werden, dann müsse L.C. ihm ja schon eine Erklärung geben, warum denn er nicht den Vorzug bekäme.

Das Telefon klingelt. Er solle mal ganz schnell zu L.C. kommen, lässt man ihm mitteilen. Ob er denn noch bei Trost sei, nicht mehr alle Tassen im Schrank habe, was denn das solle, er habe ihm doch gesagt, was er mit ihm vorhabe, doch nicht diesen Job, der da gerade zur Disposition stehe, er solle doch bitteschön noch etwas Geduld haben, jetzt müsse er mit ihm ein Personalgespräch führen, darüber ein Protokoll schreiben, ihm absagen, das auch noch begründen, das würden sie doch beide nicht wollen.

Benny zog die Bewerbung zurück.

Wie wir sehr bald schon erfahren werden, wird Benny Post bekommen. Von der Personalabteilung. Da arbeiten ja schließlich auch nur Menschen. Die ihm dann schreiben, dass sie ihm leider mitteilen müssten, dass sie sich für seine Bewerbung bedanken und dass es ihnen leid tue, aber sie könnten ihm gerade keinen Platz im Unternehmen der „Grauhörner“ anbieten, würden ihm aber auf seinem Berufsweg weiterhin alles Gute wünsche.

Was können die dafür, dass sie den Textbaustein verwechselt haben, dachte Benny, kommt halt vor. Das ist der Preis des Fortschritts.

Lachte sich schlapp. Und freute sich schon darauf, dass die Geschichte hier eine Fortsetzung findet…

© Ulf Runge, 2007

 

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