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Leben 82 – Sonntag, 16.09.07 – Notaufnahme

16. September 2007 2 Kommentare

Lautlos schiebt sich der Minutenzeiger vor, immer wieder schrecke ich hoch, reiße die Augen auf, stelle fest, dass ich schon wieder minutenlang vor mich hin gedöst habe. Gedämpfte Stimmen umgeben mich, bisweilen wird daraus ein lauter werdendes Stimmengewirr, das verstummt, wenn eine der Türen sich öffnet.

Warten.

Laufgeräusche. Quietschende Leisetreter, klackernde Ledersohlen, am lautesten sind Cloggs, auf denen einige Mitarbeiterinnen hier bisweilen vorüberkommen. So manches Gesicht kommt hier mehrfach vorbei. Merkwürdige Aha-schon-wieder-Vertrautheit entsteht.

Warten.

Kunstlicht. Gelbes und weißes. Kein Sonnenstrahl ist je auf diesen Gang gefallen. Linoleum-Boden. Immer wieder rutscht mein Kopf nach vorne, verfängt seinen Blick auf dem Linoleum-Boden. Ein gleichmäßiges und sich doch nicht wiederholendes Muster von grauen Flecken auf wässrig grünem Linoleum-Boden lässt meinen Blick suchen, nach einem Ankerpunkt, der doch nicht gefunden wird. Wieder fallen mir die Lider zu.

Warten.

Hier sitzt man nicht geplanterweise. Da ändert sich der Tageslauf von einer Minute auf die andere. Da geht es um Minuten, vielleicht Sekunden, bis man dann hier sitzt, wartet. Bis man irgendwann erfährt, dass man schnell genug gewesen, man könne aber noch nichts genaues sagen, müsse weiter untersuchen, man solle draußen warten, ja, ja, bei Bewusstsein schon, aber wie gesagt, man muss erst mal genauer…

Warten.

Während der Alltag woanders so normal begonnen hat, wie er immer normal beginnt, ohne die, die gestorben sind, die verunfallt sind, die plötzlich erkrankt sind, und auch ohne alle die, die den anderen spontan zur Seite stehen, während also dieser Alltag in den Fabriken, Geschäften und Büros begonnen hat, während auf den Straßen und in den Zügen der Berufsverkehr in vollem Gange ist, beschließe ich, auch mal eben zu sagen, dass ich heute nicht komme, dass meine Planung heute geändert werden musste. Ich gehe die kalten, sterilen, kunstlichtgefluteten Gänge entlang, wechsle zielsicher die Richtung, gelange ins Freie, wo eine Vielzahl von Menschen, Kranke, Personal, Besucher, ihr Refugium gefunden hat, für einen Glimmstengel.

Ich hole mein Handy heraus, sage Bescheid, dass ich hoffentlich morgen wieder, dass man noch die zwei Termine heute Nachmittag, genau, und dann sei da noch eine Email von, ja, die sollen sie halt ohne mich, prima, und ich würde mein Handy regelmäßig abhören, falls doch noch, …

Mein Platz auf der Bank ist besetzt. Von anderen. Die hier ebenso warten wie ich. Besorgte Gesichter. Gedämpfte Stimmen. Menschen, die mit schlechten Nachrichten rechnen, auf gute hoffen.

Da öffnet sich eine Tür, nein, nicht die, auf die ich warte, ein Arzt erscheint, angespannt erheben sich eine ältere Dame und ein junger Mann, reden mit dem Hoffnungsträger, „auf Station einweisen“ fetzt es zu mir rüber, die drei betreten ein Dienstzimmer, entschwinden.

Warten.

Nein, es ist nicht das erste Mal, dass ich hier gesessen bin. Unweigerlich denke ich an die Szene zurück, als der Mann vom Pizza-Express hier tief in der Nacht an mir vorbei lief, in der Hand die Box mit den Leckereien aus dem Steinofen, ein nächtliches Mahl für das Personal anliefernd. Was sich dann später als Irrtum herausstellt: Es war die sehnlichst erwartete Spenderniere im Tiefkühlpack.

Warten.

Während die anderen jetzt unterwegs sind, ihren Job zu machen, sich und ihre Arbeit wichtig nehmen, intensiv daran arbeiten, unsere Auftraggeber und Chefs glücklich zu machen, habe ich einen Tag Auszeit, bei dem typischerweise Gedanken hoch kommen wie, dass es noch Wichtigeres gebe im Leben, dass man froh sein müsse, um jedes bisschen Gesundheit, dass einem selber und seinen Lieben gegeben ist, und dass man dies bloß nicht vergessen dürfe, wenn diese eintägige Auszeit vorbei ist, wenn man wieder unterwegs ist, seine Frau und seinen Mann zu stehen, so gut es geht, hart in der Sache, aber nie vergessend, dass wir alle hier nur Gast sind.

Dass wir mehr noch als bisher bereit sein sollten, im Gegenüber den Menschen, den Mitmenschen zu entdecken.

Spätestens wenn wir wieder hier sitzen, in der Notaufnahme, wartend vor geschlossenen Türen, werden wir erneut darüber nachzudenken haben…

© Ulf Runge, 2007

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