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Archive for 15. September 2007

Leben 81 – Samstag, 15.09.07 – Bei den Grauhörnern (4 – Qualität und Stellplätze)

Benny hat nach vier Wochen folgendes gelernt: Little Chief grüßt nicht immer und unbedingt. Nicht morgens. Nicht abends. Fragt nicht am Montag, wie das Wochenende war. Zuerst ist Benny darüber erschrocken. Wo ist er denn hier gelandet?

Dann aber wird Benny klar, dass Little Chief gar nicht anders kann. L.C. ist immer im Dienst. Tagsüber. Nachts. Am Wochenende. Wenn man sich also eben erst gesehen hat, egal ob vor einer Stunde oder vor zwei Tagen, es ist das gleiche. Man muss sich doch nicht grüßen, wenn das Arbeiten sozusagen ein stetiger Fluss ist. Unterbrochen von einem eigentlich nicht notwendigen Wochenende. L.C. hat ihn zweimal gegrüßt. Beim Einstellungsgespräch. Und beim Arbeitsantritt. Seitdem ist man doch sozusagen ununterbrochen zusammen.

Wieder einmal stellt Benny die Frage nach dem Ende des Projektes, nach dem Umzug des Teams nach Stomachingen. Ach ja, meint L.C., schaut Benny fahrig an, lässt den Blick kreisen, seine Augen beginnen zu funkeln, war doch noch was, murmelt er, Qualitätstante, so ein Blödsinn, Benny, musste nach Stomachingen fahren, müssen wir klären, noch vor dem Umzug, am besten gleich nächste Woche.

Benny schreibt sich auf, dass er herausfinden soll, mit wem er sich treffen soll, um war über die Qualitätsrichtlinien zu erfahren, auf einmal ist das ein wichtiges Thema, merkwürdig. Voller Freude, dass er etwas bewegen soll, was für den Umzug wichtig ist, erzählt er Freddy von seiner bevorstehenden Dienstreise nach Stomachingen. „Mensch, pass auf, dem haben die doch bloß irgendso ne Hausaufgabe gegeben. Der würde sich doch sonst nicht freiwillig um Qualität kümmern. Mach mal Deine Reise und dann sehen wir weiter.“

Benny verabredete sich mit Frau Fanderbostel, die hoch erfreut war, dass dieser Termin zustande kam. „Haben ich Ihren Chef jetzt soweit, dass Qualität ein Thema ist?“ Mit diesen Worten empfing sie Benny, sie erzählte im von den Q-Initiativen der vergangenen Monate, der DIN-ISO-Zertifizierung und dass nun auch das zu Ende gehende Projekt sich dieser Herausforderung stellen müsse, wann sie denn umziehen nach Stomachingen, seit Monaten sei das ja im Gespräch, aber sein Chef habe wohl keine Lust, na ja, der sei kein leichter Typ, der liebe das Projektleben, den Tresen im Bizz, ein Workaholic halt, der könne wohl schon gar nicht mehr anders.

Es war ein nettes Gespräch, aber so recht wusste Benny nicht, was er nun aus diesem Termin mitnehmen sollte. „Ihr Chef hat alle Unterlagen bereits per Email bekommen, ich schicke sie Ihnen aber auch gerne zu. Wäre schön, wenn es jetzt los ginge, auch dieses Projekt einzufangen.“

Den Tag hätte er sich wohl schenken können, dachte Benny, L.C. hat alle Infos, kennt die Vorschriften, ignoriert sie, weil sie ihn behindern, und jetzt kann L.C. berichten, dass einen Termin mit der „Qualitätstante“ gegeben habe, damit hat er seine Hausaufgaben erst mal gemacht, der Rest werde dann mit Sicherheit irgendwelchen Priorisierungen zum Opfer fallen.

Genau so war’s. Doch es sollte noch besser kommen. L.C. hatte die Aufforderung bekommen, die ihm zugewiesenen Räume in Stomachingen zu begutachten und kurzfristig einen Raumbelugungsplan zu erstellen.

Sie fuhren mit zwei Autos nach Stomachingen, L.C. und sieben Mitreder. Leere Büros, dass sollten ihre Büros werden. Die waren nicht schlecht, keine fünf Jahre alte Büros, hell, freundlich, großzügig, ja, hier würde sich Benny wohl fühlen, alles wird gut, da war er sicher, in aufgeräumter Laune liefen sie durch das Gebäude, legten fest, wer denn nun wo sitzen würde, wie das alles am besten passt.

Der Raumbelegungsplan war in trockenen Tüchern, als L.C. vom Hausverwalter erfuhr, dass leider nur 8 Parkplätze zur Verfügung gestellt werden könnten, die anderen seien langfristig an andere Nutzer im Haus vermietet.

Benny sah zu seiner Überraschung ein Lächeln in L.C.s Miene aufglitzern, dass dieser aber sofort wieder ablegte, um sich nicht zu verraten. Statt dessen fing L.C. zu poltern an, dass dies eine Zumutung sei, unverschämt, unter diesen Bedingungen, mit ihm könne man das nicht, das werde er an die Geschäftsleitung, Frechheit, könnten sich jemand anders suchen.

Die anderen vom Team gingen genauso betreten wie Benny aus dem Gebäude, innerhalb von fünf Minuten war das gesammelte Geschirr von Seltmann-Weiden und IKEA zerdeppert worden, selbst wenn die noch ein paar Stellplätze locker machen würden, mit L.C. würde es immer ein belastetes Verhältnis gebn.

Der sozusagen für in zwei Wochen geplante Umzug musste natürlich jetzt noch einmal geschoben, da erst mal neue, angemessene Räumlichkeiten zu suchen waren.

Beliebig oft würde L.C. dieses Spiel nicht treiben können, war sich Benny sicher. Und auch das Projekt würde auch irgendwann einmal ein Ende haben. Jedes Projekt hat irgendwann ein Ende. So lange müsse er sich wohl noch gedulden, aber so schnell wirft man die Flinte nicht ins Korn.

© Ulf Runge, 2007

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