Archiv

Archive for 14. September 2007

Leben 80 – Freitag, 14.09.07 – Bei den Grauhörnern (3 – Dino-Tage)

Das Meeting war natürlich enorm wichtig, die ganze Führungsriege der Firma präsentierte ihre Arbeit, und auch Little Chief hatte einen schönen, bunten Foliensatz, den er dann mitreißend, überzeugend präsentierte. Nein, ohne jede Einschränkung, es konnte wahrlich nichts Schöneres in dieser Welt geben, als in diesem Team zu arbeiten.

Kurz bevor der Sauerstoffgehalt in dem proppenvoll gefüllten Raum unter die von Meßgeräten wahrnehmbare Grenze sank, kurz bevor die Dahinsiechenden ihren persönlichen Unterzuckerspiegel erreicht hatten, gingen die Hauptdarsteller dieses spannenden Vormittags noch mal nach vorne, es hatte was von Heimattheater, bloß ohne Vorhang und Diener. (In Ermangelung weiblicher Führungskräfte verzichte ich darauf, hier auch noch den Knicks zu erwähnen.)

Nach dem obligatorischen Toilettengang folgten Schnittchen, Sekt und Small-Talk. Der Nachmittag war genau so spannend, immer wieder unterbrochen von Zigarettenpausen, um etwas frische Luft zu schnappen. An diesem Tag wusste Benny noch nicht, dass es eine seiner letzten Zigaretten sein sollte, die er hier mit innigem Genuss tief einsog.

Natürlich konnte Benny den Wagen nicht in Stomachingen los werden, er musste in die Nachbarstadt fahren, so dass sich der restliche Nachmittag dann mit zweimal Busfahren und zweimal Zugfahren sehr abwechslungsreich gestaltete. Auf seine Scherzfrage, was der Alfa denn kosten würde, wenn er ihn gleich behielte, auf Dauer, bekam er nur die Antwort, dass der ab morgen vermietet sei, und abgeschrieben sei der auch noch nicht.

Ob noch irgendjemand Fragen hätte, hatten die am Ende der Veranstaltung gefragt, kam es Benny immer wieder hoch, ja er hatte noch eine, aber er hatte auch kapiert, dass man in dieser Runde keine Fragen stellt, nur Antworten hat, dass man Teil der Lösung ist. Und dass überhaupt das Wort Problem ein Unwort ist. Benny hätte zu gerne gefragt, nachdem das Projektende von Woche zu Woche weitergeschoben wurde, wann das Projekt in Gotelsheim denn nun (endlich) beendet würde, wann denn nun endlich die Betriebssteuerung nach Stomachingen verlegt werde. Er hätte nur zu gerne gefragt, seit wieviel Jahren denn das Projekt nächste Woche beendet werde, aber Benny hielt seine Klappe.

„Na, weißt Du jetzt, wann Du auf Dauer nach Stomachingen kommst?“ wurde er zu Hause empfangen. Die heutige Veranstaltung hatte wenigstens einen Sinn für Benny, nämlich diesen Abend zu Hause zu verbringen zu dürfen.

Nicht, dass er nicht mehr daran glaubte, eines fernen Tages wie versprochen in Stomachingen arbeiten zu dürfen, aber Benny gewöhnte sich zwangsläufig an das Leben, oder besser an das Sein in Gotelsheim.

Das Beste am Tag war definitiv das Mittagessen. In ca. 120% aller Fälle ging es zu Dino, einem Italiener mit täglichem wechselndem Angebot, immer wieder neu mit Kreide auf die große Tafel geschrieben. Dinos Restaurant war ein „neugieriges Eck“, immer wieder musste man auf die Straße schauen, die Blicke den Menschen folgen lassen, die vom oder zum Bahnhof strömten. Eilige Menschen auf dem Weg zu einem Termin, Schlenderer, die von den Auslagen der umliegenden Geschäfte magisch angezogen wurden, stehen blieben, verweilten.

Die mediterrane Küche von Dino war ein Genuss, der zum Schluss gekrönt wurde, wenn Dino Ihnen ein Glas Averna kredenzte. Etwas für den Magen, aber nichts wirklich bitteres, nach mehr schmeckend, was sich dann auch oft genug einrichten ließ, weil Dino sich nicht lumpen ließ, gegen einen zweiten Averna war wahrlich nicht einzuwenden. Ein Espresso oder auch schon mal ein Doppio waren dann ganz angebracht, insbesondere wenn Dino besonders spendabel war, dem Team einen dritten Averna einschenkend. Bisweilen haben sie der Fairness halber die zweite Flasche auch selber gezahlt und Dino mit eingeladen. Überhaupt, das ganze war sehr familiär.

Wer noch nie im Projekt auf Montage gearbeitet hat, den mag es verwundern, wie man zwei Stunden Mittagspause oder mehr rumbringen kann, ohne sozusagen den Feierabend zu suchen. Dazu muss man wissen, dass der Mac Donalds in Gotelsheim bis nachts um drei geöffnet hat, und dass man das nur herausfindet, wenn man nachmittags um drei eine Einladung in seinem Terminkalender vorfindet, für heute abend 19:30 Uhr, und dem kurzen Hinweis, dass Little Chief ein umfängliches Statusmeeting plant. Wer Heimschläfer ist, erkennt man daran, dass es hier im Projekt tatsächlich Gestalten gibt, die es wagen, das Meeting vor Mitternacht zu verlassen.

Wer aber sowieso von Montag Mittag bis Freitag Mittag da ist, einfach nur da, der trägt das alles schon mit viel mehr Fassung, Gelassenheit. Um 2 Uhr morgens wird die Bestellung telefonisch an Mac Donalds durchgegeben, 30 Minuten später ist der Fahrdienst ausgelost und bald schon stehen lecker, plastikverpackte Nachtmahlzeiten auf dem Tisch.

Hier zeigt sich wahrlich, wer Kondition hat. Erst wenn jemand mit dem Kopf auf die Tischplatte zu knallen droht, kann von einem kurz bevor stehenden Ende der Besprechung ausgegangen werden.

Und so plätschern die Tage dahin, das Projekt, das nicht enden will, endet nicht. Doch Benny ist tapfer, stellt zur Erheiterung des gesamten Teams jede Woche die gleiche Frage, wann denn nun, und so weiter…

Warum eine Raumbesichtigung und die Frage nach der Qualitätssicherung Benny die Hoffnung geben, dass er bald in Stomachingen sein wird, das erfahren wir beim nächsten Mal.

© Ulf Runge, 2007

Add to Technorati Favorites

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 272 Followern an