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Leben 79 – Donnerstag, 13.09.07 – Bei den Grauhörnern (2 – Der Leihwagen)

13. September 2007 10 Kommentare

Es war spät geworden gestern abend, heute früh, in der Hotelbar. Wenn Benny nicht hier im Bizz übernachtet hätte, dann wäre es wohl ein entspannter Abend geworden, aber nein, mit Little Chief und den anderen vom Team hatte er sich den Mund fusselig geredet, heiß diskutiert, bei steigendem Alkoholpegel.

Er musste um 6 Uhr raus, um den Zug kurz nach sieben zu erreichen. Er hätte um 6 Uhr raus gemusst, besser gesagt. Die Sonne blinzelte bereits durch die großen Fensterscheiben, die Uhr zeigte halb acht. Er hatte jetzt noch zweieinhalb Stunden Zeit, um – auf welchem Wege auch immer – um 10 Uhr in Stomachingen zu sein.

Auf das Duschen wollte er nicht verzichten, aber das Frühstück war sofort gestrichen. Einen späteren Zug konnte er nicht nehmen, das hatte er schon vorher abgeklärt. Blieb also nur ein Leihwagen. Am Hotelempfang wurde ihm die Firma weitervermittelt, einen Golf wolle er haben, hätten sie nicht mehr, aber er solle mal kommen, sie würden schon was für ihn finden.

Nicht gerade beruhigt setzte er sich in das Taxi, um in den Vorort von Gotelsheim zu fahren. Alles irgendwie merkwürdig. Ein Autoverleih, der nicht am Hauptbahnhof oder in der Stadtmitte angesiedelt war. Ein Autoverleih, der nicht mal einen Golf oder so was Ähnliches anbieten konnte. Egal, Benny hätte auch einen Zwokommaachttonner genommen, Hauptsache etwas, was fährt, etwas, das sofort fährt. Motor an, rein, hinkommen, gerade noch pünktlich sein.

Das Büro der Autovermietung war das Kassenhäuschen einer ehemaligen Tankstelle, also wie gesagt, einen Golf könnten sie nicht anbieten. Wie lange er denn das Auto brauche, wann er denn zurückfahren wolle. Gar nicht zurück, er wolle nur hin fahren, zurück würde er wieder den Zug nehmen.

Die Miene des Vermieters hellte sich auf, er könne den da draußen nehmen, der müsse zurück nach Stomachingen, den könne er zum Preis eines Golf mieten. Eben noch total deprimiert wegen dieser merkwürdigen Vermietung, stieg Bennys Laune rapide an. Welchen Wagen er denn meine. Na, den gleich vor der Tür.

Benny rieb sich die Augen, ja richtig, da stand ein hässlich-grüner Wagen, sah nach osteuropäischem Geschmack aus, definitiv nicht das, was man sich so erhofft, wenn man einen Leihwagen mietet.

Der würde man gerade 130 bringen, dachte Benny bei sich, biss in den sauren Apfel, nahm den Schlüssel und eilte hinaus, schloss den Wagen auf, wollte seine Reisetasche auf die Hinterbank stellen, als er sich ziemlich doof vorkam. Okay, das hier ist ein Viertürer, aber wo bitte schön, geht diese blöde Tür auf? Der Griff war wohl abgebrochen, egal, er hatte keine Zeit zu verlieren, ab mit der Tasche in den Kofferraum. Nach hinten geeilt. Benny kam sich ein weiteres Mal doof vor, oberdoof, wobei er „Versteckte Kamera“ erst noch einmal ausschloss. Da war definitiv keine Schloss für den Schlüssel!

Kurz vor Vorlust der ihm verbliebenen Rest-Contenance stürmte Benny zurück in das Büro des Vermieters, der bisher keine Notiz von dessen Nöten genommen hatte. Der Kofferraumdeckel? Natürlich, zeige er ihm gerne, man müsse nur diese große Schild zur Seite schieben, und dann sei alles paletti.

Sprachlos steckte Benny den Schlüssel in den Schlitz, ließ seine Reisetasche im Kofferraum verschwinden, und traute sich auch nicht mehr so recht, die defekte Hintertür zu erwähnen. „Ach, und wenn Sie die Hintertür aufmachen wollen, das geht hier!“ Benny kam sich vor bei James Bond, der Griff war regelrecht versteckt. Doch nun genug dieser Spielereien, er musste weg.

Rein gesessen. Motor an. Ein gesundes Schnurren war zu hören, kurz noch nach Rückwärtsgang, Radio und Licht geguckt, und dann aber ab. Die Autobahn war voll, aber der Wagen war eine Wucht. Hing erste Sahne am Gaspedal, ohne zur Raserei zu provozieren. Die Osteuropäer haben mächtig aufgeholt, dachte er bei sich, mittlerweile hatte er die verbleibende Zeit und die noch vor ihm liegende Fahrtstrecke miteinander abgeglichen, das könnte reichen, er bräuchte jetzt einen Schnitt von 110, das ist ehrgeizig, aber nicht unlösbar.

Die Ledersitze sind Klasse, in so etwas hatte er noch nie gesessen, so was von bequem, dieses Auto war vom Feinsten. Benny hatte Autos bisher immer nur gefahren, weil sie praktisch sind. Form, Farbe, Hersteller, das alles war ihm immer sekundär. Fahren, ankommen. Darauf kommt es an. Und jetzt dieser Leihwagen. So einen könnte er sich für immer vorstellen.

Fünf Minuten vor Meetingbeginn parkte Benny in Stomachingen ein und sah dort auch schon seine Team-Kollegen stehen. „Was hast Du denn da für ein Geschoss?“ riefen sie ihm zu. „Seit wann fährst Du denn Alfa?“

© Ulf Runge, 2007

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