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Leben 78 – Mittwoch, 12.09.07 – Bei den Grauhörnern (1 – Vorstellung und Einstellung)

12. September 2007 6 Kommentare

Für Benny war nur eines klar, er brauchte Tapetenwechsel. Eine andere Firma. Er wollte es noch einmal wissen. FAZ, Rundschau, stepstone. Das wurde seine regelmäßige Lektüre. Er bewarb sich auf offene Stellen, gute Angebote, und er bewarb sich blind, auf Verdacht. In der großen Stadt. Und auch in der näheren Umgebung, wo ein niedrigeres Gehalt durch die geringeren Fahrtkosten und Fahrtzeiten ausgeglichen sein würde.

Eines Tages kam eine Antwort zurück, keine Absage und auch keine Zusage. Er hatte sich bei einem mittelständischen Unternehmen beworben, nein, sein Profil passe nicht so ganz zu der offenen Stelle, aber ihr Mann, so schrieb die Frau von der Personalabteilung, also ihr Mann würde jemanden so wie ihn suchen, ob er einverstanden sei, wenn sie die Bewerbung weiterleiten würde, er solle sich doch melden bei ihr.

Warum nicht, dachte Benny, kann ja nichts schaden, wenn mein Profil stimmt, dann kann das ja nur gut werden. Wenige Tage später hatte Benny eine Einladung im Briefkasten, ein überregionales Unternehmen, „Die Grauhörner“, hatte Interesse an ihm, sie wollten ihn kennen lernen. Das könnte gehaltlich interessant werden, mal sehen, ob die Arbeit interessant ist, dachte er. Ja und das beste, der Arbeitsplatz sozusagen vor der Haustür, in Stomachingen, gerade mal eine halbe Stunde Fahrzeit.

Zum Vorstellungsgespräch solle er aber mal nach Gotelsheim kommen, da sei das Projekt derzeit noch angesiedelt, alles weitere ergäbe sich dann im Gespräch. Benny kam rechtzeitig mit dem Zug angereist, hatte noch viel Zeit, wollte nichts anbrennen lassen, keine Hektik, keine Schweißperlen unter der Achsel, alles sollte total entspannt vor sich gehen. Er hatte noch eine Stunde Zeit, das Gebäude lag in einem Villenviertel, die Kastanien fingen gerade zu blühen an und Eichhörnchen hüpften durch die Idylle.

Er ging zum großen Fluß, setzte sich auf eine Bank, wurde immer ruhiger angesichts der Wassermassen, die da langsam an ihm vorbeizogen. Ruhig erzählte er sich seinen Lebenslauf, klärte noch einmal die Warums ab, warum er sich denn bewerbe, warum er denn der geeignete Bewerber sei, warum er seine jetzige Firma verlassen wolle. Wichtig, ganz wichtig, sagte er sich immer wieder: Nichts negatives, über den bisherigen Arbeitgeber, über den bisherigen Job, vielmehr diesen als ideale Voraussetzung loben, um sich nun bei den Grauhörnern weiterentwickeln zu dürfen.

Sei zukünftiger Chef nutzte das Vorstellungsgespräch, um wiederum seinem Vorgesetzen viele wichtige Dinge über das Projekt zu erzählen, wahrscheinlich sehen die sich nicht oft, dachte Benny, gegen Ende des Termins durfte er dann noch ein paar Höflichkeitsfragen zu seinem Lebenslauf beantworten, ob er denn noch Fragen habe, ja, die habe er, wie denn etwa die Zusammenarbeit organisiert sei, etwa regelmäßige Abteilungsmeetings und so, und ob denn auch regelmäßig Beurteilungen und so weiter und so fort. Natürlich, dafür gebe es klare Vorgaben seitens der Personalabteilung.

Was er denn so für Gehaltsvorstellungen habe. Benny hatte diese Sekunde zigfach geübt, jetzt musste es raus, der Betrag, den er wollte, der hoffentlich nicht zu hoch war und hoffentlich auch nicht zu niedrig, das sei ein bisschen mehr als in seinem bisherigen Job, aber er wolle sich ja auch verbessern bla bla bla.

Nachdem man ihn über eine halbe Stunde draußen warten gelassen hatte, die Assistentin kam mal den Flur entlang und sah ihn überrascht an, ja ob er denn immer noch warten würde, das müsse sie aber gleich ihrem Chef, und dann wurde er ziemlich schnell hereingerufen, ziemlich ausgelassen saßen seine beiden Gegenüber da, die gerade über sein Schicksal bestimmten, verstummten, als er sich setzte, sein zukünftiger Chef sah ihn ernst an, todernst, erhob seine Stimme, mit traurigem Unterton, um dann mit einem Mal kumpelhaft die Stimme hell fast grell zu erheben und eine lachendes „Gratuliere!“ herauszuprusten. Er hatte den Job also, er hatte ihn. Na super.

Man werde ihm die Unterlagen mit der Post zuschicken. Ja und übrigens, er solle erst mal noch ein paar Wochen nach Gotelsheim pendeln, bevor das Projekt dann beendet sei, bevor dann alles in Stomachingen weitergehe.

Am ersten Arbeitstag wurde er sehr freundlich von seinen Teamkollegen empfangen, die waren alle nett. Er lernte sehr schnell, dass eigentlich alle im Bizz-Hotel übernachteten, dass es eigentlich üblich war, sich abends um 11 mit Little Chief zu treffen. Little Chief, so hieß der Chef bei Ihnen, aber wehe, er hätte diesen Spitznamen herausbekommen. Diese Abende in der Hotelbar waren ätzend, dummes Gelabere über die Arbeit, Nettigkeiten und auch weniger Nettigkeiten wurden zum Besten gegeben, nein, das war nicht sein Stil. Abends wollte er auch ein bisschen seine Ruhe haben, etwas für sich tun, wenn er schon nicht nach Hause fahren konnte.

So zog er dann sehr bald in das Gotelsheimer Stadthotel um, da hatte er seine Ruhe, abends ging er gerne in Musikkneipen, las, sprach mit anderen Menschen, telefonierte mit zu Hause.

Und dann kam die Einladung zu einem Megaevent in Stomachingen, zu dem sie alle anreisen sollten, er hätte auch mit Little Chief mitfahren können, aber man riet ihm ab, er wolle doch noch etwas länger leben. Eine Mitfahrgelegenheit mit den anderen ergab sich nicht, so dass er dann doch wegen der Bahnhofsnähe beschloss eine Nacht im Bizz zu verbringen und dann mit dem ersten Schnellzug nach Stomachingen zu fahren.

Wie Benny dann wirklich nach Stomachingen kam, das erfahren wir vielleicht schon morgen. Bis dahin herzliche Grüße…

© Ulf Runge

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