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Leben 76 – Montag, 10.09.07 – Im Kasten

10. September 2007 6 Kommentare

Ich staune immer wieder. Etwa, wenn ich Post bekomme. Von einem Münzhandel etwa. Ich muss dazu sagen, ich bin kein Münzhandelskunde. Ich bekomme nur Werbung vom Münzhandel. Dass ich jetzt, ganz portofrei, ein funkelnagelneues Zehneuro-Sammlerstück erwerben könnte zum Preis von sage und schreibe 10 Euro. Das ist genau die Art von Post, die ich regelmäßig im Briefkasten finde.

Ich wiederhole noch mal. Jemand schickt mir Werbung. Die kostet Geld beim Drucken und fürs Porto. Und dann soll ich 10 Euro gegen 10 Euro tauschen. Weil, diese Sammlermünze kann ich jederzeit als valides Zahlungsmittel einsetzen.

Warum wollen die so ein Geschäft mit mir machen? Weil ich dann schwach werden soll, wenn die mir dann später noch einmal Werbung schicken. Weil ich dann ein schlechtes Gewissen haben muss, weil, die haben ja gar nichts verdient an mir bisher, da muss ich doch jetzt mal was kaufen, sonst machen die bald Pleite.

Manchmal denke ich mir, die wollen auch nur wissen, ob die Adresse, die sie bei wem auch immer gekauft haben, überhaupt gültig ist. Wer Münzen tauscht gegen bares Geld, der ist schon mal da, der existiert schon, ist also keine Adressleiche.

Vielleicht steckt sogar ein Geheimdienst dahinter. Die wollen wissen, ob die Adresse wirklich existiert, und ob ich eventuell für Münzgeschäfte zu haben bin. Vielleicht bin ich dann sogar für mehr aufgeschlossen. Ich sage nur „Blaue Mauritius“!

Was ich sehr gerne mache, wenn ich so nette Werbepost bekomme, die, wenn ich sie innerhalb von 48 Stunden beantworte, dann bekomme ich sogar eine gleich rostende Armbanduhr, also was ich sehr gerne mache, ist meine Adresse dann ein bisschen abwandeln. Dann sehe ich, wer wem die Adresse weitergibt, was ja ohne meine Erlaubnis eigentlich verboten ist, aber wer kann sich schon wehren, wenn die Adresse richtig geschrieben ist. Wenn sie falsch ist, könnte ich zumindest einen Indizienprozess führen, was sicherlich auch totaler Quatsch ist, aber Spaß macht es mir schon, aus der Hausnummer 17 die Hausnummer 17a, 17b, 17c zu machen, eventuell mit dem Zusatz „III. OG“ versehen, selbst wenn sich nur um einen Flachdachbungalow handelt. Irgendwann trudelt dann so ein Brief bei Dir ein, und Du lachst Dich schlapp, weil Du weißt, wie diese Adresse entstanden ist.

Außer Buchstaben und Geschossangaben moduliere ich auch gerne den Namen. Da mir meine Eltern der Einfachheit halber einen zweiten Vornamen verweigert haben, nehme ich gerne Bindestrich-Verbindungen „Ulf-Jörg“, „Ulf-Stanislaus“, „Ulf-Peter“, des weiteren natürlich auch klassische Kombinationen, wie man sie in Amerika liebt, „Ulf P. Runge“, „Ulf X. Runge“ oder „Ulf Q. Runge“. Der Phantasie sind definitiv keine Grenzen gesetzt, die Briefträger sind intelligent genug, die Werbung trotzdem fehlerfrei an mich zuzustellen.

Interessant ist dann doch, dass ein Feinkostversand bevorzugt mit einem Versand für Erwachsenenspielzeuge zusammenarbeitet, während der Wanderer-Bekleidungsversand seine Adressen gerne an Automobilclubs weitergibt. Kontaktlinsen erhalten ihre Adressen vom Weinhandel, und dann wäre noch die Frage zu stellen, bei wem sich denn die Behörden die Adressen kaufen.

Was am allergefährlichsten ist, sind diese nette Abos, die zum Einsteigerpreis von mal fast gar nichts dies und das und noch jenes und dann diese Überraschung liefern, man kann das alles bei Nichtgefallen gleich zurückschicken, ansonsten bekommt nächsten Monat die Superedition für dann stolze Euro 15 oder 20, und dann ist man schon sehr heftig bemüht, dem Spuk ein Ende zu machen. Per Telefon. Email. Einschreiben.

Wenn also nichts verdient ist mit mir, dann muss ja meine Adresse eigentlich das Wertvolle sein. Bloß genau die hatte der Münzhandel ja auch schon vorher.

© Ulf Runge, 2007

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