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Leben 71 – Sonntag, 02.09.07 – Klingeltönchen
Blech-Musik jeder Couleur, egal ob klassisch oder modern, Tango-Musik oder ein gepfiffenes Stück, davon hat er jetzt endlich genug. Babygeschrei oder das Kikeriki eines Hahnes, das geht ihm mittlerweile mächtig auf den Geist. Er will sich rächen an all den Ruhestörern, denen es schnurzpiepegal ist, wo und wann und wen sie mit ihren Krachapparaten belästigen.
Die Idee ist schnell geboren. Zunächst denkt er an Harry und Sally, an die besagte Szene im Restaurant, bei der Sally es versteht, ohne auch nur ein Wort zu sprechen, die Aufmerksamkeit im ganzen Raum auf sich zu ziehen.
Er verwirft diese Möglichkeit sofort wieder. Sie erscheint ihm doch etwas zu gewagt. Lieber entscheidet er sich für eine andere Derbheit. Das Geräusch den menschlichen Körper verlassender Luft, genauer gesagt ungewollt den menschlichen Körper verlassender Luft soll es sein. Wobei ihm ein Rülpser dann doch zu vulgär erscheint. Ebenso ein lauter Pups.
Aber so ein ganz, ganz langsam lauter werdender Pups der Marke „heimlich losgelassen“, das wäre genau das Richtige. Ein Pups, der zunächst von einem quietschenden Luftballon nicht unterscheidbar wäre, bloß viel leiser. Mitten in einer wichtigen Besprechung.
Einem Teil der Anwesenden würde die Angelegenheit so peinlich sein, dass sie ihn nicht einmal angucken würden. Die meisten aber würden einen verächtlich-mitleidvollen Blick zu ihm rüberwerfen wegen dieser doch vermeidbaren Entgleisung, oder besser Entlüftung. Und es wäre auch nicht auszuschließen, dass sich einige wenige fragen würden, ob das jetzt eine Chance wäre, unbemerkt den eigenen Überdruck zu reduzieren.
Wenn das nun vernommene erste peinliche Geräusch dann ein weiteres Mal aus seiner Richtung zu hören wäre, würde er lächelnd zum Handy greifen und zur Verdatterung der anderen das Telefonat annehmen.
Nachdem er eine Dose Mais und einen Linseneintopf verspeist hat, steht der Abend unter dem Titel „Selbstversuch“. Auf der heimischen Toilette gelingt es ihm mit Hilfe der Handy-Sprachaufzeichnung, diverse Geräuschvarianten aufzuzeichen. Sein technisch versierter Freund Manni überspielt ihm unter nicht enden wollendem Gelächter eine der Aufzeichnungen als Klingelton auf sein Handy. Und stellt ihm diesen für das Profil „Meeting“ ein.
09:50 Uhr. Gleich wird das die Weltgeschichte verändernde Meeting beginnen. Wie immer richtet er seine Utensilien: Den Laptop, das Handy, die Besprechungsunterlagen von letzter Woche, sein Projekttagebuch. Reichlich bepackt will er schon die Tür zum Treppenhaus öffnen, als Carla ihn bittet, doch noch mal kurz ihren Email-Entwurf zu überfliegen. Sie habe jetzt gleich einen wichtigen Kundentermin und da wäre es gut, wenn diese Email noch vorher raus ginge. Der Entwurf sei gut, meint er, er würde die Email genauso schreiben. Jetzt müsse er aber!
Schnappt sich seine Siebensachen. Setzt sich ins Meeting. Jetzt wird er doch ein bisschen nervös. Manni wird ihn in so einer Viertelstunde anrufen. Und dann wird sein Klingelton, auf maximale Lautstärke gestellt, zweimal quer durch den Raum schweben…
Alle wichtigen Leute sind anwesend, alle Oberklingler dieser Welt, die ihn immer so nervten, und allen würde er es gleich zeigen. Augen würden die machen! Und Ohren! Gleich. Gleich ist es so weit.
Da! Das Display fängt schon zu blinken an, als…
Was ist das denn? Kein leiser Pups, nein! Auch nicht der laute, den er ebenfalls testweise mit aufgezeichnet hatte. Das ist …
… der stinknormale Handyklingelton, den alle diese Handys haben, ab Werk, wenn man nichts Besonderes einstellt. Er drückt das Gespräch weg. Was war da schief gelaufen? Hatte Manni irgendetwas falsch eingestellt? Gestern abend hatten Sie noch eine Pups-Party gefeiert, sich gegenseitig auf ihren Handys angerufen, den schönsten Klingel-Pups ermittelt. Und nun?
Frustig wartet er auf das Ende der Besprechung, die immer wieder von Tango spielenden und pfeifenden Handysignalen unterbrochen wird.
Er schleicht zurück zu seinem Arbeitsplatz, um die anderen zum Mittagessen zusammenzutrommeln. Carla wartet bereits auf ihn. Puterrot im Gesicht brüllt sie ihn an: „Du Depp, Du blöder, das tust Du mir nie wieder an! Den Auftrag sind wir los! Gib mir sofort mein Handy zurück! Und hier hast Du Deine Furzkanone zurück!“
© Ulf Runge, 2007


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