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Leben 65 – Montag, 27.08.07 – Alles im Eimer

Sie kamen von allen Seiten. Einzeln. Oder zu zweit. Nein, nicht zu Fuß. Mit dem Auto. Dem Moped, und zwar mit Anhänger. Mit dem Fahrrad. Sie hatten Eimer dabei. Und Tüten.

Keine jungen Menschen. Menschen, die die Nachkriegszeit noch erlebt hatten. Oder im Krieg geboren sind. Ob sie sich dabei wohl fühlten? Ich weiß es nicht. Niemanden, den ich anguckte, erwiderte meinen Blick. Es war ihnen peinlich.

Ich vermute, dass es der Rand der Legalität war, der sie ein schlechtes Gewissen haben ließ. Statt am frühen Sonntagmorgen den Weg in die Kirche zu finden, schleichen sie sich auf den Acker. Hoffen darauf, unentdeckt zu bleiben. Oder wenigstens unerkannt.

Nein, es geht hier nicht um Gold und Silber. Auch nicht um Kohlen, die man zum Heizen braucht. Es geht um Zwiebeln. Zeit der Zwiebelernte. Der Acker ist halb abgeerntet vom Bauern, neben den leeren Furchen liegen herabgefallene Zwiebeln, trocknen in diesen regenfreien Tagen vorzüglich.

Ja, und ich habe auch nicht davon gehört, dass der Zwiebelpreis in den vergangenen Tagen angezogen hätte, als dass man sie nicht auf dem Markt oder bei Aldi erstehen könnte.

Während ich an diesem Acker Runde für Runde vorbeijogge und mir so meine Gedanken mache, ob es sich hier um Hartz IV Empfänger handeln möge, oder um Menschen, die es nicht zulassen wollen, dass diese Zwiebeln verrotten, weil der Bauer sie liegen gelassen hat, oder um sagen wir mal extrem sparsame Menschen, während ich also in Gedanken bin, füllt sich die Luft mit Geräusch, mit näher kommendem Motorenlärm, ein Jumbo-Traktor mit zwei riesigen Anhängern rast heran.

Ob der Bauer wohl einen Riecher dafür hat, wann sich fremde Gestalten auf seinem Acker herumtreiben? Ein großer und kräftiger Landwirt steigt von der Zugmaschine herunter, seine Blicke erscheinen mir nicht freundlich. Während ich mich joggenderweise wieder etwas entferne, wundere ich mich, dass die Zwiebeleinsammler wohl Duldung finden, so wie die Nashörner in Symbiose mit den Madenhackern leben, Vögel die ihnen die Parasiten vom Halse halten.

Mein Weg führt wieder zurück zum Zwiebelacker, als ich ungläubig drei weitere Riesentraktoren mit hoher Geschwindigkeit und jeweils zwei großvolumigen Anhängern dahergerast kommen sehe. In Null Komma Nichts sind diese Anhänger mit einer Zwiebelerntemaschine bis zum Anschlag gefüllt. Was auf dem Acker liegen bleibt für die geduldeten Einsammler, das ist wirklich vernachlässigbar, das liegt im Promillebereich.

Ich bin immer noch nicht sicher, was ich von den sonntäglichen Frühgestalten halten soll. Nehmen sie den Bauern was weg, oder nicht? Ist es den Bauern recht, oder nur egal? Warum haben die Zwiebeleinsammler meinen grüßenden Blick nicht ausgehalten?

Bis zum Beweis des Gegenteils will ich nur mal edle Motive vermuten…

© Ulf Runge, 2007

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