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Leben 64 – Sonntag, 26.08.07 – Die Fahrscheine bitte

Der Zug war schon abgefertigt, der schrille Pfiff des Zugbegleiters wollte gerade verstummen, als sich noch ein schnaufender Körper vor der zuklappenden Tür hineindrängte. Wankend schleppte sich der junge Mann in den Waggon, um sich dann beim zweiten Abteil hinzusetzen, nachdem ihm die sitzenden Fahrgäste freundlich zugenickt hatten. Ja, der Sitz sei noch frei.

Da saß er, fragte sich wohl zu recht, warum er denn heute überhaupt geduscht habe, der Schweiß tropfte ihm von der Stirn, aus den Achseln floss es ihn die Flanken hinunter.

„Die Fahrscheine bitte“ rief der Zugbegleiter, bedankte sich bei den Fahrgästen mit „Danke!“, „Okay, das passt!“ und „Ja, prima!“ Nun war es an dem jungen Mann, seine Fahrkarte zu zeigen. Immer noch außer Atem sagte er, dass er keine habe. Der Automat am Bahnhof sei defekt.

Da möge er wohl recht haben, dass der Automat defekt sei, aber wer so außer Atem sei, der könne ja noch nicht mal versucht haben, eine Fahrkarte zu lösen. Schweigen. „Da haben Sie recht! Ja, Sie haben vollkommen recht! Der Automat ist schon seit Tagen kaputt! Und heute, da war ich wirklich zu spät dran! Bitte verkaufen Sie mir einen Fahrschein!“

„Darf ich mal bitte Ihren Personalausweis sehen?“ „Wozu denn das? Ich möchte doch bloß eine Fahrkarte kaufen!“ „Es tut mir leid, aber ich bin gehalten, Ihnen eine Fahrkarte zum erhöhten Beförderungsentgelt von 40 Euro zu verkaufen. Sie können sich dann schriftlich bei der Zentrale erklären, wenn Sie das Geld wieder zurückhaben wollen.“

Das bringt jetzt die Mitreisenden auf den Plan. Dass das nicht in Ordnung sei. Willkür sei hier am Werk. Er solle jetzt mal schnell eine normale Fahrkarte verkaufen, sonst würde er seines Lebens nicht mehr froh werden, der Zugbegleiter. Dieser murmelte noch leise was von „Bahnpolizei“, um dann vom Verkauf einer Fahrkarte vollständig abzusehen, und sich in den hinteren Teil des Waggons zu verdrücken.

Dort wartete bereits Isolde K. auf ihn, zückte Ihren Sonderausweis und machte ihm klar, dass sie den Vorfall leider melden müsse. Sie sei sozusagen Kontrolleur-Kontrolleurin, und ihr Job sei es, den Mal-ein-Auge-zu-Drückern das Leben schwer zu machen. Als sie sah, wie blass der nette Zugbegleiter wurde, sagte zu ihm: „Pass mal auf, Kleiner, ich kann Dir jetzt leider nicht die gute Nachricht übermitteln, dass wir hier bei `Verstehen Sie Spaß` sind, aber ich schlage vor, wir gehen heute abend mal richtig gut essen, um ich weiß schon, wer zahlt.“ Sie machten noch Uhrzeit und Treffpunkt aus, und für den Rest der Fahrt wurde er nicht mehr gesehen, während Isolde K. vor sich hin grinste. Mal sehen, was der Abend bringen würde…

Führt uns noch ein letzter Blick zurück in das Abteil, in dem der junge Mann inzwischen nicht mehr außer Atem war. Lautes Gelächter und Schenkelklopfen, „Ich fass` es nicht“-Rufe, waren zu hören, der Plan der Laienschauspieler aus der Nachbarstadt, den Zugbegleiter mal mit einer improvisierten Live-Szene aus der Fassung zu bringen, war ein voller Erfolg geworden.

Ob Ihnen das Lachen vergangen wäre, wenn sie von Isolde K. gewusst hätten?

 

Hinweis: Sowohl die Begebenheit als auch Isolde K. sind frei erfunden. Wenn es Isolde K. gäbe, hieße sie natürlich anders. ;-)

© Ulf Runge, 2007

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  1. zauberliebe
    26. August 2007 um 16:30

    Hi Ulf,

    hm, ich steh irgendwie auf der Leitung …
    Wer gehörte nun zu den Laienschauspielern? Der Zugbegleiter doch wohl auch … Isolde K. anscheinend nicht?????

    Wieso würde den Laienschauspielern das Lachen vergehen?

    Verwirrte Grüße, Ulrike

  2. Ulf Runge
    26. August 2007 um 16:44

    Liebe Ulrike,

    ich hab den entscheidenden Satz etwas geändert.

    Ich hoffe, jetzt ist es klarer, wer zu den Schauspielern gehört, und wer nicht.

    Danke für Deinen Kommentar.
    So etwas braucht der Schreiber, will er denn auch verstanden werden.

    Entwirrende Grüße,
    Ulf

  3. 28. August 2007 um 08:18

    Witzige Idee!

  4. Ulf Runge
    29. August 2007 um 00:26

    Renate, danke! LG, Ulf

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