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Leben 58 – Montag, 20.08.07 – Über das Schreiben
Wer schreibt, schreibt über sich selbst. Glaube ich. Vermute ich. Wer schreibt, erzählt was von sich. Von seinen Erlebnissen, von seinen Gefühlen. Von seinen Liebsten. Von denen, denen er begegnet, im wirklichen Leben, am Telefon (das ist noch wirkliches Leben?), im Netz (und das ist schon nicht mehr wirkliches Leben, nur noch virtuell?).
Wer von sich schreibt, und dabei einen Teil seiner Identität preisgibt, der muss sehr stark aufpassen, was er über seine Liebsten schreibt. Und auch über die anderen, denen man begegnet, oder mit denen man telefoniert. Oder mailt. Über die, denen man im Privatleben oder im Job begegnet. Wer schreibt, steht in der Verantwortung, keine Peinlichkeiten über seine Umwelt zu veröffentlichen.
Wer nicht aufpasst, ist plötzlich sehr einsam. „Du machst da wieder eine Geschichte draus, oder? Ich sag kein Wort mehr!“ – „Darüber schreibst Du bitte nicht.“ Okay, tu ich nicht.
Wie gerne würde ich mal über das Berufsleben schreiben! Da warten Geschichten, erzählt zu werden! Aber das verbietet sich einfach.
Welche Auswege bleiben einem da?
Ausweg 1: Man hört mit dem Schreiben auf. Geht zur Suchtberatung. Und lässt sich Wege aufzeigen, vom Schreiben loszukommen. Wahrscheinlich hoffnungslos.
Ausweg 2: Man schreibt nur noch Erfundenes. Keiner wird einem das glauben. Weil, das meiste ist irgendwie autobiographisch. Ich kann die Namen tauschen, die Orte ändern, niemand wird mir glauben, dass das nicht irgendwie was mit mir zu tun hat. Dann wird man wissen wollen, „Wen hast Du denn damit gemeint? Wo und wann war das denn?“ Wobei ich natürlich darauf bestehen werde, das alles nur erfunden, erdacht zu haben. „So was denkst Du also?“ Nein, ich denke nur, was ich denken könnte, denke ich mir dann.
Ausweg 3: Man schreibt anonym. Erfindet sich neu. Als „Wolf Gelbfuß“ oder „Oskar Klammer“. In menschlicher, tierischer, pflanzlicher oder gar gegenständlicher Gestalt. Stellt sich die Frage, ob einen dann noch jemand ernst nimmt hinsichtlich des Copyrights. Das blöde dabei ist, ich könnte meine geschätzte Leserschaft, danke dass es Euch gibt und Ihr mir die Treue haltet, ich könnte meine geschätzte Leserschaft nicht mal gezielt darauf aufmerksam machen. Ich müsste auch meine Stil ändern, sonst wäre ich sofort enttarnbar. Ich dürfte nichts mehr übers Bahnfahren oder Espressotrinken erzählen, müsste auf „bisweilen“ verzichten. Müsste anfänglich auf Sätze wie diesen verzichten, in denen ich das Subjekt weglasse, weil ich einen Gedanken vom vorherigen Satz fortsetze.
Ratlosigkeit überfällt den Schreiber, der erst einmal nichts ändert, der natürlich allen Leserinnen und Lesern hiermit verspricht, sie per Email auf das neue anonyme Schreiben aufmerksam zu machen, wenn sie ihm denn nur versprechen, niemanden – außer ganz vertrauensvollen, lieben Menschen – darauf hinzuweisen, dass ich es bin.
So könnte es gehen, oder?
© Ulf Runge, 2007


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