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Archive for 19. August 2007

Leben 57 – Sonntag, 19.08.07 – Entschlüsselt

 

Es ist ein ziemlich dummes Gefühl, wenn man nichts mehr sehen kann. Nur noch hören. Und riechen. Es stinkt hier ganz gewaltig, aber wen interessiert das schon. Und überhaubt, wer interessiert sich schon für mich?

Aber egal, „Lass dich niemals unterkriegen!“, haben meine Eltern immer zu mir gesagt. Und ich lass mich nicht unterkriegen. Die ersten Tage hier in Gefangenschaft waren hart, nichts zum Essen, nichts zum Trinken. Tag und Nacht nur Fluchtgedanken. Alles war gut abgeriegelt, ich hatte keine Chance. Einzelhaft. Niemand, mit dem man sich mal austauschen könnte.

Okay, der Raum ist riesig, und als ich entdeckt habe, dass ich auch in die Nachbarräume darf, da habe ich sehr schnell gelernt, dass es in der Küche Essen und Trinken gibt. Letztendlich habe ich mich mit den Umständen arrangiert, wobei mir niemand die Frage nach dem „Warum“ beantworten konnte.

Es gibt hier sogar Fernsehen. Wobei man mich nie gefragt hat, ob oder was oder wann ich sehen möchte. Aber genau das kam auch im Fernsehen, nämlich dass das moderne Foltermethoden sind, einem das Licht an und aus zu machen zu den unmöglichsten Tages- und Nachtzeiten. Schon skurril, dass die einen das auch noch gucken lassen, dass man kabiert, dass man hier gefoltert werden soll.

Ein anderes Mal, das war so `merkwürdige Sendung, die haben da andauernd rumgeschrien, „Richterin mal frech“ hieß das glaube ich, da haben sie sogar gebracht, dass man nicht inhaftiert werden darf, so ohne Urteil. Seitdem kam ich mir besonders verloren vor. In totalitären Staaten machen sie sowas, habe ich dann aus der Tagesschau erfahren.

Aber was die jetzt mit mir gemacht haben, ist der Gibfel. Blötzlich war nur noch Krach zu hören, starker Wind kam auf, und seitdem: Alles dunkel. Und das jetzt schon seit längerer Zeit her, ich habe keine Idee, wie sbät es ist.

„Soll ich den Geschirrsbüler ausräumen?“ „Oh ja, das ist eine gute Idee!“ Geschebber und Geklabber. Wenigstens kann ich noch hören, was abgeht.

Klirrr! „Mir ist ein Glas runtergefallen!“ „Moment, ich saug das weg!“ Und blötzlich kommt dieser Wirbelsturm wieder auf mit einem Höllenlärm, nur Flugzeuge stelle ich mir lauter vor, ich verkrieche mich, weich und stinkig ist es hier, dann macht es klack klack klack, der Lärm hört auf, kein Sturm mehr zu sbüren, als ich die Worte höre: „Jetzt hat es den Staubsaugerbeutel zerrissen.“

Licht! Ich sehe wieder Licht. Das ist meine Chance. Ich stürme auf das Licht zu, falle ziemlich tief, die Erde ist glatt und braun, ich bin im „Flur“, wie die sagen, stürme ins „Bad“, verkrieche mich in meinem Versteck und atme erst einmal tief durch.

Hinweis 1 : Im Jahr 2017 gelang es einem Forscherteam der Universität München, anhand neuartiger Methoden, Sprache und Schrift der Ohrwürmer, auch Ohrenkneifer und Ohrenklammern genannt, zu entschlüsseln. Hilfreich hierbei waren die Funde des Ohrwurms Oskar Klammer, von denen weitere in der Analyse sind.

Hinweis 2: Beim kritischen Lesen dieses Textes sollte man berücksichtigen, dass die Normenkontrollkommission für die deutsche Sprache im Jahr 2015 beschlossen hat, auf den Buchstaben „p“ zu verzichten, um die darniederliegende Schulbuchindustrie anzukurbeln.

Hinweis 3: Falls die Leserinnen und Leser dieses Blogs weitere Geschichten von Oskar Klammer zu lesen wünschen, würde der Administrator dieses Blogs versuchen, den Kontakt zu oben genanntem Forschungsteam aufrecht zu erhalten.

© Ulf Runge, 2007

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