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Leben 56 – Freitag, 17.08.07 – Perspektiven
Abendluft. Tiefdruckkühle Moleküle durchmischen die noch verharrende Schwüle der vergangenen Tage. Es ist später als gestern. Nur eine halbe Stunde. Und doch merke ich, Mitte August, dass die Zeit knapp wird, dass die Dämmerung schneller sein wird, als mir lieb ist.
Friedliche Abendstille hängt über dem Ort, spielende Kinder auf der Wendeplatte lächeln mir zu, winken. Die meisten Wolken haben sich verzogen, der Himmel ist weit aufgerissen, die Sonne versinkt am Horizont, den Dunst in der Ferne blau-rot einfärbend. Das Wetter wird halten die nächste Stunde, hoffentlich bleibt es hell genug. Am Westhimmel zeigt der Mond eine schmale Sichel, so als wolle er sagen, ich bin auch noch da, aber Licht werde ich Dir wohl kaum spenden können.
Gut vier Monate ist es her, als diese Bäume hier in weißer Pracht gestanden sind. Die opulenten Perücken sind gewichen, Wärme, Licht und Regen haben den Baumriesen Früchte geschenkt, die auf eine baldige Ernte warten. Der Ort und die gewaltigen Schattenspender liegen hinter mir, mein Blick fällt auf die Gleise.
Oben auf der Brücke ist es jedesmal so, dass ich weiß, ich habe es wieder geschafft, ganz locker. Nimm dieses Gefühl mit, nimm es mit für heute, für morgen, für die Stunden, wenn es nicht so leicht fällt, an sich selber zu glauben.
Wenn ich oben bin, kann ich weiter sehen. Blicke die Felder, die Baumhecken, die Masten der Überlandleitungen, das Gelände der Kleingärtner. Hinter mir weiß ich die Hügelkette der Weinberge. An der höchsten Stelle die Burg. Ein vertrautes Gemälde, von einem begnadeten Künstler gemalt, jeden Tag ein bisschen anders. Sattes Grün dominiert. Leuchtet noch nach in den allerletzten Sonnenstrahlen.
Wenn man so weit sehen kann, öffnet sich auch das Bewusstsein. Ich sehe mich schon da, wo ich in einer halben Stunde sein werde. Und ich bekomme eine Ahnung, wie man sieht, wenn man nach vorne sieht in der Zeit, wie es sein kann morgen, bald, demnächst. Wer die Perspektive ändert, gewinnt Perspektiven.
Wunderschönes lila Kraut am Wegesrand „stört“ meinen Weg, findet den Weg in meine Augen. Vermeintliches Unkraut mit zauberhaften gelben Blüten wird endlich wahrgenommen, ist glücklich darüber, dass der Betrachter zu sich sagt: „Das nächste Mal sollte ich den Foto mitnehmen.“
Der nächtliche Regen hat den grasnarbigen Weg bepfützt, mit Slalombewegungen weiche ich den Wasserkuhlen aus. Der parallel laufende Kanal ist zugewachsen mit menschenhohen Gräsern, eine Idylle für kleinere Vogelarten.
Der Weg mündet in einen Feldweg aus Betonplatten, sinnierend verlässt mein Blick die Landschaft, betrachte ich die Fugen zwischen den Betonplatten, schaue nach vorne zur nächsten, Fuge um Fuge wollen Pflanzen entdeckt sein, die es sich hier eingerichtet haben, daran glauben, dass sie und ihre Kinder hier eine Überlebenschance haben.
Ein geschotterter Feldweg führt am Segelflughafen vorbei. Umtriebig, quirlig und hauptsächlich ihr Hinterteil zeigend huschen Wildkaninchen ins Gebüsch. Außer den Jägern scheinen sie keine natürlichen Feinde zu haben, der Weg ist voll von diesen possierlichen Tierchen, die weniger als 10 Meter Abstand nicht dulden.
Die Hälfte ist geschafft, und die Helligkeit entschwindet schneller, als mir lieb ist. Ich muss mich etwas sputen, wenn ich den unbeleuchteten Parcours nicht in der Finsternis beenden möchte.
Wie der Triebwagen einer winzigen Modelleisenbahn wuselt eine Feldmaus unbeirrt geradlinig und mit konstant gleichmäßigem Affenzahn über den Weg. Kaum da, schon weg.
Gleich sind wir am See. Wir? Zeit, dass ich meinen Partner vorstelle. Meinen Trainingspartner. Auf diesen Augenblick, nein nicht den des Vorstellens, sondern den des nun Badengehens, darauf hat mein Hund die ganze Strecke über gewartet. Vermutlich sind es seine fünf schönsten Minuten am Tag. Vermutlich ist es das, wovon er nachts träumt.
In die nahezu ruhige Oberfläche des Sees wirbeln sich die Kreise, die mein Begleiter ausgelöst hat. Köstliches Wasser stillt seinen Durst. Nahezu den ganzen Körper im Seewasser zu haben, dort einfach friedlich zu liegen, das muss für meinen Hund, der vermutlich direkt von den Wasserratten abstammt, ein tief gehendes Gefühl von Erholung und Entspannung sein.
Wir trotten heim, die Dämmerung war natürlich schneller, am vorbeifahrenden Zug erkenne ich, dass es ungefähr halb 10 ist, der Herbst naht.
Ein zweites und letztes Mal geht es über die Brücke. Ein zweites und letztes Mal für heute das Gefühl aufsaugen, „es geschafft zu haben“. Das aufgesaugte Gefühl parat zu haben, wenn mal wieder gefordert ist, „Herausforderungen zu bewältigen“, wie man heute sagt, wenn nahezu Unmögliches ein weiteres Mal von einem abverlangt wird.
Ein zweites und letztes Mal für heute Perspektive gewinnen…
P.S.: Nach 6 Wochen Schlawinerzeit, was das Sporttreiben angeht, sind wir in den letzten acht Tagen 50 Kilometer gejoggt. Köln, ich komme. Wir sehen uns in sieben Wochen.
© Ulf Runge, 2007


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