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Archive for August 2007

Intermezzo – 31.08.07 23:35 – kolumnen.de

Liebe “Leben”s-freundinnen und -freunde,

hiermit möchte ich auf eine unglaublich interessante Website hinweisen, auf die ich ab sofort verlinken werde:

http://www.kolumnen.de/

Über die Schwierigkeiten beim gemeinsamen Schreiben von Büchern äußert sich aktuell Elke Schröder unter:

http://www.kolumnen.de/schroeder-310807.html

Viel Spaß ;-),
Ulf

 

© Ulf Runge, 2007

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Leben 69 – Freitag, 31.08.07 – Transall

31. August 2007 8 Kommentare

Wenn Männer vom Bund erzählen, dann ist damit nicht der Teil einer Hose gemeint, nein, dann ist von der Zeit die Rede, in der aus einem ein Mann gemacht wurde.

Das galt zumindest so lange, wie Frauen in Uniform noch undenkbar waren. In der Bundesrepublik.

Ich saß also in meinem Büro, das der nette Haupfeldwebel B. mit mir teilte. Wir hatten ein Riesenbüro und auch eine sehr schöne Zeit. Auf die will ich – heute – gar nicht weiter eingehen. Das soll einer anderen Geschichte vorbehalten bleiben.

Es war inzwischen vorgerückter Vormittag, bald Zeit für’s Mittagessen, die Brotzeit war längst vorbei, die Leberkas-Brötchen hatten uns köstlich gemundet und auch der anschließende Obstler aus den Schnapsstamperln in meiner Schreibtischschublade hatte längst für Wohlbefinden gesorgt.

Wir saßen hier auf dem Fliegerhorst in der Nähe von München, warteten an diesem sonnigen Morgen in unserem schattigen Stabsbüro auf den Mittag und überlegten, was wir nach dem Essen machen könnten. Wir waren schon länger nicht in Minga gewesen und das würde uns auch mal wieder unter die Leute bringen.

Ein schöner Nachmittag bei der Kartenvorverkaufsstelle und bei unserem Zinnkruggraveur war vorprogrammiert. Auch hierzu mehr ein anderes Mal. Ehrenwort.

Als plötzlich alles anders kam.

Pfeifen. Alarm. „Alle Mann am Kompaniegebäude antreten.“ Was war jetzt angesagt? Hatte sich die Sicherheitslage geändert? Mein Hauptfeld, der „Hiasl“, grinste nur vor sich hin, gemahnte mich, nur nicht so zu pressieren, und so schlenderten wir gemächlich zum Kompaniegebäude. Wir beide waren die letzten, und natürlich bekamen wir einen Anschiss, der meinem Hauptfeld nichts, und mir fast gar nichts ausmachte.

Es sei befohlen, dass wir jetzt einen Flug machen, der Pilot müsse unbedingt noch heute einen Personenflug nachweisen, sonst müsse er irgendwie die Lizenz komplett neu erwerben. Der Hiasl grinste sich einen, murmelte etwas schlenderte ins Büro zurück, der Rest der Kompanie war sichtlich erfreut und überrascht, jetzt, gleich und sofort den Weg zum Flugzeug antreten zu dürfen / müssen.

Ob wir einen Fallschirm bekamen, weiß ich nicht mehr. Aber mein Adrenalin-Spiegel war am Anschlag. Man muss sich dieses Transportflugzeug so vorstellen: keine Düsenmotoren, dafür zwei Propeller; eine riesige Ladefläche, so breit, dass ein Panzer hineinfahren kann. Keine Sitzplatzbestuhlung. Für jeden von uns gab es sozusagen einen Stehplatz am Fenster. Vielleicht waren da auch Notsitze, aber wenn man rausgucken wollte, musste man sich hinstellen und wir wollten ja alle was sehen.

In weniger als einer halben Stunde war aus dem Marschbefehl das Gefühl des Abenteuers geworden. Was wir zu sehen bekamen war Oberbayern aus der Luft. Chiemsee, Karwendel-Gebirge, Zugspitze, Alpspitze, Ammersee, Starnberger See, Minga, Tegernsee, Augenblicke, die man nie vergessen wollte, Augenblicke, die sich tief in der Seele verankern. Viel zu schnell endete dieser Lizenzerhaltungspflichtflug und ich habe mir damals gewünscht, es möge noch mehr Piloten geben, die dringend nach Mitfliegern suchen. Gab es aber nicht. Schade.

Die Fahrt nach Minga haben wir dann am nächsten Tag gemacht. Worüber ein anderes Mal zu schreiben sein wird.

© Ulf Runge, 2007

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Leben 68 – Donnerstag, 30.08.07 – schNEPPchen

30. August 2007 1 Kommentar

Seit Wochen versuchen Call-Center-Agenten eines größeren Telekommunikationsunternehmens, mit dem ich in Auftraggeber-Auftragnehmer-Beziehung stehe, also ich bin Kunde, das Unternehmen ist Dienstleister, seit Wochen versuchen rührige Agentinnen und Agenten mich zu erreichen.

Das ist gar nicht so leicht. Ich bin wohl einer der wenigen Kunden dieses Unternehmens, die vornehmlich dann zu Hause sind, wenn es gedämmert hat, und zwar zur Nacht. Diese Call-Center, die vermutlich in Mitteleuropa angesiedelt sind, haben wohl den Standortnachteil, dass sie just dann arbeiten, wenn ich arbeite, mich aber nicht auf der Arbeit heimsuchen wollen, sondern eben daheim.

Und das ist natürlich nicht so erfolgsversprechend. So landen diese freundlichen Agentinnen und Agenten logischerweise bei denen, die statt meiner sozusagen zu Hause sind und das Telefon bedienen können, auf die Frage, ob ich denn da sei, wahrheitsgemäß mit „Nein“ antworten, auf die Frage, wann ich denn wieder da sei, mit einem Uhrzeitvorschlag rüberkommen, der die Agentin oder den Agenten mutlos werden lässt.

Was nach diesem Telefonat passiert, kann ich nur ahnen. Die Agentin oder der Agent vermerkt in der Notiz zum geführten Gespräch, dass der Kunde „nicht erreichbar“ war. Außerdem gibt dieser Mensch einen neuen Anrufversuchstermin ein, an dem ich, beziehungsweise meine Daheimgebliebenen, noch mal belästigt werden sollen. Vorher vermutlich noch ein Blick auf den eigenen Dienstplan, damit man sicher ist, dass jemand anders mal erfolglos bei uns anruft.

Und das klappt auch vorzüglich. Jede Woche melden sich immer wieder neue Agentinnen oder Agenten bei uns, was nun entweder an dieser vorzüglichen Wiedervorlagestrategie liegen kann oder auch an der möglicherweise hohen Fluktuation, die dieser nervzehrende Beruf mit sich bringt.

Es geht aber auch anders. Eine dieser Agentinnen hat vor zwei Wochen zu unserer Überraschung angekündigt, sie werde mich bei einer ihrer nächsten Spätschichten „auf kurz vor Arbeitsende“ legen. Und heute war es soweit. Sie rief noch mal an. Sie schien noch nicht mal überrascht, dass nun der vermutlich allerletzte Nichterreichbare des Universums sozusagen in ihrer Leitung lag.

Sie könne mir eine Event-Homepage anbieten, kostenlos für 4 Wochen. Danach jederzeit sofort kündbar. Das fand ich schön und wollte wissen, was denn nach den 4 Wochen an Gebühren auf mich zukäme. Sechs neunundneunzig im Monat. Jederzeit sofort kündbar. Sie würde mir die entsprechenden Infos jetzt an meine Email-Adresse zuschicken und wenn ich dann nicht mehr wolle, solle ich mich einfach mal kurz melden.

„Sie schicken mir also die Infos an meine Email-Adresse? Das finde ich gut. Aber noch keine Freischaltung, oder?“ „Doch natürlich, Infos und Freischaltung. Jederzeit sofort kündbar.“ „Nee“, sage ich. „Nur die Infos und keine Freischaltung.“ „Geht nicht“, sagt sie. „Warum nicht?“, frage ich. „Ist so nicht vorgesehen. Sie können aber auch alleine auf unsere Homepage gehen und sich dort informieren. 4 Wochen kostenlos geht dann aber wieder nur über uns.“ Ratlos schweige ich zurück. Worauf sie meint: „Wissen Sie was, Sie informieren sich auf unserer Homepage und ich rufe übermorgen noch mal an.“ Nicht locker lassen, wird sie sich wohl denken. „In zwei Wochen“, entgegne ich. „Gut, überredet, in zwei Wochen.“

Hoffentlich spricht sich die Dame mit den Kolleginnen und Kollegen von DSL ab, die mir 5 Euro im Monat für die flat rate nachlassen wollen, wenn ich dafür die Laufzeit auf 24 Monate erhöhe. Soviel weiß ich inzwischen schon, aber auch die wollen das ganze mit mir persönlich besprechen.

Bei beiden Themen wundert es mich schon, dass die tollen Angebote nur ganz vertraulich mit mir besprochen werden sollen. Nur am Telefon. Das hat etwas Konspiratives. Und ich darf dabei sein.

Ich vermute mal, dass meine Lieben in den nächsten 12 Wochen mehrmals werden bedauern müssen, dass ich leider noch nicht zu Hause sei. Und wenn ich dann wirklich zu Hause sein sollte, dann könnte ich 7 Euro dadurch einsparen, dass ich mit dieser Dame handelseinig werde. Statt 84 Euro, die ich nicht ausgeben wollte, muss ich dann in den nächsten 12 Monaten nur 77 löhnen.

Das ist wahrlich lukrativ. Ein echtes schNEPPchen.

© Ulf Runge, 2007

 

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Intermezzo – 29.08.07 23:45 – Gratulation an Ulrike Sennhenn

29. August 2007 2 Kommentare

Liebe “Leben”s-freundinnen und -freunde,

hiermit möchte ich Ulrike Sennhenn und Ihren MitbloggerInnen beim Glückshaus-Projekt ganz herzlich gratulieren!
Vor gut zwei Monaten begann das “Projekt”, nun hat sich Ulrike Sennhenn mit ihrem Team durch die Vielfalt ihrer Artikel und die vielen wertvollen Hinweise auf Fundgruben im Netz an die Spitze der beliebtesten WordPress-Blogs gesetzt.

Das ist bemerkenswert, das freut mich und dazu gratuliere ich ganz herzlich.

Wer noch nie dort war, sollte mal hier klicken:

Das Glückshaus-Projekt

Ulf

 

© Ulf Runge, 2007

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Intermezzo – 29.08.07 23:44 – Gratulation an Renate Blaes

Liebe “Leben”s-freundinnen und -freunde,

hiermit möchte ich Renate Blaes und den LeserInnen ihres Brigitte Gruftie-Blogs ganz herzlich gratulieren!
Vor sechs Monaten begann das “Projekt”, nun hat sich Renate Blaes durch ihren authentischen Stil, ihre gehaltvollen Inhalte und die sorgsame Kommentierung der Kommentierungen an die Spitze der beliebtesten Brigitte-Blogs gesetzt.

Das ist bemerkenswert, das freut mich und dazu gratuliere ich ganz herzlich.

Wer noch nie dort war, sollte mal hier klicken:

Renate Blaes’ Gruftie-Blog auf Brigitte.de

Ulf

 

© Ulf Runge, 2007

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Leben 67 – Mittwoch, 29.08.07 – Mein Leben als Hochdeutscher

29. August 2007 13 Kommentare

Danke an Sebastian Sick, der mit dem Falschverwenden des Genetivs, also dem Dativ, ein Geschäftsmodell gefunden hat, das seinesgleichen sucht. Für alle, die noch auf der Suche sind, die deutsche Sprache bietet noch den Nominativ (Wer-Fall) und den Akkusativ (Wen-Fall) als unerschöpfliche Geldquellen an, man muss nur drauf kommen wie. (Ich hatte noch nicht die zündende Idee.)

Danke also an Sebastian Sick, der am 24.08.07 unter dem Titel „Schweizgebadet“ über seinen Gemütszustand berichtet, bevor er mit seiner Vortragsreise in die Schweiz einreist: http://www.kolumnen.de/sick-240807.html.

Danke an Sebastian Sick, weil sein Artikel mir mal den Anlass gibt, über mein Leben als Hochdeutscher zu reflektieren. Wer wie ich in Berlin aufgewachsen ist, zumindest einmal die ersten fünf Jahre, der muss doch eigentlich ein bisken balinan können. Kann ich aber nicht. Hat man mir konsequent aberzogen. Ich glaube, heutzutage wöllte ich auch gar nicht balinan, aber möglicherweise fehlt mir hier auch etwas ganz entscheidendes, durch nichts mehr gut zu machendes.

Nachdem wir mittlerweile nach Köln umgezogen waren, nicht gerade eine Hochburg der gepflegten deutschen Hochsprache, war ich wie elektrisiert, als ich zunächst aus dem Radio und dann zich mal wiederholt im Fernsehen wahr nahm, wie ein amerikanischer Präsident balinan durfte und icke nich. „Ick bin oin Balina.“ Eiskalt lief mir das über den Rücken. Der durfte. Präsident müsste man sein.

Meine Schulzeit in Köln war geprägt durch diesen schönen, direkten, melodischen Dialekt, auch Kölsch jenannt. Ich kann mich noch erinnern, ich war Thekenauffüller bei Cornelius Stüssgen (Stüssjen jesproche), war zuständig für die Seifentheke, stand am Aufzug, wollte Persil und Ariel aus dem Keller holen, da stand mein Klassenkamerad und ebenfalls Thekenauffüller (er machte wohl den Wein, wenn ich recht nachdenke) Dieter K. schon am Aufzug und fragte mich: „Häste Führ?“ Das erste Wort seines Kurzsatzes war natürlich die Frage „Hast Du?“ Aber was? „Führ“ war mir fremd. Weder ein Waschmittel noch ein Shampoo war in letzter Zeit unter diesem Namen in die Regale gekommen. Manchmal machte ich auch Konservern. Bami Goreng. Nasi Goreng. Aber Führ? Relativ Kölsch-mutig antwortete ich Dieter: „Nö, hann isch nitt, glöw isch. Äwwa wat is denn Führ esu jenau?“

Lachen. Brüllen. Tränen in den Augen. Inzwischen waren alle Thekenauffüller am Aufzug eingetroffen und lachten sich schlapp, weil ich nicht verstanden hatte, dass der Dieter Feuer (Für) für seine Zigarette haben wollte.

In Köln bin ich immer ein „Imi“ geblieben, ein Imitierter. Kölsch habe ich nur dann gesprochen, wenn ich mir sehr sicher sein konnte, dass die Anwesenden Kölsch nur aus dem Fernsehen, etwa vom Millowitsch-Theater kannten. Dieses Falsch-Kölsch hat man mir in diesen Kreisen immer gern abgenommen, in Gegenwart von Eingeborenen war es allerdings unendlich blamabel.

Kennen Sie den rheinischen Konjunktiv? Konrad Beikircher hat das Lebensgefühl der Rheinländer, besser gesagt der Kölner einmal so auf den Punkt gebracht. Auf die Frage, warum er denn eine bestimmte Aufgabe immer noch nicht erledigt habe, antwortet der Kölner: „Datt han isch jestan jemacht habn wolle.“

Ich habe mich in Köln, das sei jetzt aber doch noch betont, immer sehr wohl gefühlt. Köln ist eine liebens- und lebenswerte Stadt mit ebensolchen Menschen. Die muss man halt manchmal nur zu nehmen wissen…

Meine kurze Zeit in Bayern habe ich nicht wirklich dafür verwenden können, mir das Bajuwarische anzueignen. Anders dagegen die Jahre im Ländle. Statt „Imi“ war ich nun „Neigschmeckter“, den schwäbischen Durchschnittsdialekt habe ich auch schon sehr bald verstanden, Falsch-Schwäbisch habe ich nur dann geredet, wenn ich mir sicher sein konnte, dass die zuhörenden Schwaben es als Belustigung aufnehmen würde, aber nicht als Peinlichkeit.

Besonders in Erinnerung sind mir Szenen mit Menschen, die oa breideres Schwäbisch gsproche hen. Von denne bin ich oan ums oandre moal gfroagt woare: „Gell, Do verstoahst nix?“ Was ich durch heftiges seitliches und vertikales Kopfnicken zugleich bestätigt und verneint habe.

Jaha, das war jetzt aber lustig.

Im Ernst, wer Dialekt redet, hat eine ganz andere Verbundenheit zu den Menschen, mit denen er aufgewachsen ist, zu der Gegend, in der er groß geworden ist. Wer keinen Dialekt spricht, weil er ihn vielleicht nicht sprechen durfte, damit er es mal später leicht hat im Leben, damit er nicht gehänselt wird, weil er kein richtiges Schriftdeutsch beherrscht, wer also keinen Dialekt spricht, der hat es vielleicht irgendwo und irgendwann in seinem Leben mal leichter gehabt. Aber so einem Menschen fehlt auch etwas. Etwas, das man nicht kaufen kann. Etwas, das man nicht lernen kann.

Ich finde es immer wieder schön, wenn ich Menschen, mit denen ich eben noch Hochdeutsch gesprochen habe, schon kurze Zeit später am Telefon erleben darf, wie sie von einer Silbe auf die nächste in ihren Dialekt verfallen, bloß weil sie Mama oder Papa telefonieren.

© Ulf Runge, 2007

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Leben 66 – Dienstag, 28.08.07 – Der BH-Wert

28. August 2007 3 Kommentare

Es war in Österreich, in einem Sportgeschäft. Es waren noch einige Leute vor mir dran, so dass ich mir die Wartezeit, bis ich endlich Leihskier ergattern konnte, durch einen Ladenspaziergang kurzweilig gestaltete.

Während ich so mit mir und diversen Sonderangeboten beschäftigt war, bemerkte ich plötzlich eine sehr auffällige, junge Kundin. Eine hübsche Frau mit einem lieblichen Gesicht, das durch zu viel Make-Up verunstaltet war. Zu erwähnen sind noch die extrem langen Fingernägel, bei denen für einen Mann sofort klar ist, wer zu Hause das Geschirr spült und die Wäsche zusammen legt.

Sie stand in der Nähe der Kasse. Kam mit einer Verkäuferin ins Gespräch. Ein intensives Gespräch, dessen Wortfetzen nicht wirklich bei mir ankamen. Bis ich dann hörte, wie sie die Verkäuferin frug: “Bittschön, wie ist der BH-Wert?”

Das rief mich auf den Plan, von einem BH-Wert hatte ich bisher ehrlich gesagt noch nichts gehört. Ich folgte also der Stimme der Fragestellerin durch den Raum, sah aber beileibe keine Büstenhalter oder Dessous in ihrer Nähe.

“5,5 antwortete die Verkäuferin, was mich doch etwas überraschte, weil diese Körbchengröße war mir gänzlich unbekannt.

So schlich ich mich langsam an die Theke heran, an der dieses Gespräch soeben statt gefunden hatte. Immer noch keine BHs. Keine Unterwäsche weit und breit. Dafür aber jede Menge Sonnenschutzmittel…

© Ulf Runge 2007

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Leben 65 – Montag, 27.08.07 – Alles im Eimer

Sie kamen von allen Seiten. Einzeln. Oder zu zweit. Nein, nicht zu Fuß. Mit dem Auto. Dem Moped, und zwar mit Anhänger. Mit dem Fahrrad. Sie hatten Eimer dabei. Und Tüten.

Keine jungen Menschen. Menschen, die die Nachkriegszeit noch erlebt hatten. Oder im Krieg geboren sind. Ob sie sich dabei wohl fühlten? Ich weiß es nicht. Niemanden, den ich anguckte, erwiderte meinen Blick. Es war ihnen peinlich.

Ich vermute, dass es der Rand der Legalität war, der sie ein schlechtes Gewissen haben ließ. Statt am frühen Sonntagmorgen den Weg in die Kirche zu finden, schleichen sie sich auf den Acker. Hoffen darauf, unentdeckt zu bleiben. Oder wenigstens unerkannt.

Nein, es geht hier nicht um Gold und Silber. Auch nicht um Kohlen, die man zum Heizen braucht. Es geht um Zwiebeln. Zeit der Zwiebelernte. Der Acker ist halb abgeerntet vom Bauern, neben den leeren Furchen liegen herabgefallene Zwiebeln, trocknen in diesen regenfreien Tagen vorzüglich.

Ja, und ich habe auch nicht davon gehört, dass der Zwiebelpreis in den vergangenen Tagen angezogen hätte, als dass man sie nicht auf dem Markt oder bei Aldi erstehen könnte.

Während ich an diesem Acker Runde für Runde vorbeijogge und mir so meine Gedanken mache, ob es sich hier um Hartz IV Empfänger handeln möge, oder um Menschen, die es nicht zulassen wollen, dass diese Zwiebeln verrotten, weil der Bauer sie liegen gelassen hat, oder um sagen wir mal extrem sparsame Menschen, während ich also in Gedanken bin, füllt sich die Luft mit Geräusch, mit näher kommendem Motorenlärm, ein Jumbo-Traktor mit zwei riesigen Anhängern rast heran.

Ob der Bauer wohl einen Riecher dafür hat, wann sich fremde Gestalten auf seinem Acker herumtreiben? Ein großer und kräftiger Landwirt steigt von der Zugmaschine herunter, seine Blicke erscheinen mir nicht freundlich. Während ich mich joggenderweise wieder etwas entferne, wundere ich mich, dass die Zwiebeleinsammler wohl Duldung finden, so wie die Nashörner in Symbiose mit den Madenhackern leben, Vögel die ihnen die Parasiten vom Halse halten.

Mein Weg führt wieder zurück zum Zwiebelacker, als ich ungläubig drei weitere Riesentraktoren mit hoher Geschwindigkeit und jeweils zwei großvolumigen Anhängern dahergerast kommen sehe. In Null Komma Nichts sind diese Anhänger mit einer Zwiebelerntemaschine bis zum Anschlag gefüllt. Was auf dem Acker liegen bleibt für die geduldeten Einsammler, das ist wirklich vernachlässigbar, das liegt im Promillebereich.

Ich bin immer noch nicht sicher, was ich von den sonntäglichen Frühgestalten halten soll. Nehmen sie den Bauern was weg, oder nicht? Ist es den Bauern recht, oder nur egal? Warum haben die Zwiebeleinsammler meinen grüßenden Blick nicht ausgehalten?

Bis zum Beweis des Gegenteils will ich nur mal edle Motive vermuten…

© Ulf Runge, 2007

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Leben 64 – Sonntag, 26.08.07 – Die Fahrscheine bitte

26. August 2007 4 Kommentare

Der Zug war schon abgefertigt, der schrille Pfiff des Zugbegleiters wollte gerade verstummen, als sich noch ein schnaufender Körper vor der zuklappenden Tür hineindrängte. Wankend schleppte sich der junge Mann in den Waggon, um sich dann beim zweiten Abteil hinzusetzen, nachdem ihm die sitzenden Fahrgäste freundlich zugenickt hatten. Ja, der Sitz sei noch frei.

Da saß er, fragte sich wohl zu recht, warum er denn heute überhaupt geduscht habe, der Schweiß tropfte ihm von der Stirn, aus den Achseln floss es ihn die Flanken hinunter.

„Die Fahrscheine bitte“ rief der Zugbegleiter, bedankte sich bei den Fahrgästen mit „Danke!“, „Okay, das passt!“ und „Ja, prima!“ Nun war es an dem jungen Mann, seine Fahrkarte zu zeigen. Immer noch außer Atem sagte er, dass er keine habe. Der Automat am Bahnhof sei defekt.

Da möge er wohl recht haben, dass der Automat defekt sei, aber wer so außer Atem sei, der könne ja noch nicht mal versucht haben, eine Fahrkarte zu lösen. Schweigen. „Da haben Sie recht! Ja, Sie haben vollkommen recht! Der Automat ist schon seit Tagen kaputt! Und heute, da war ich wirklich zu spät dran! Bitte verkaufen Sie mir einen Fahrschein!“

„Darf ich mal bitte Ihren Personalausweis sehen?“ „Wozu denn das? Ich möchte doch bloß eine Fahrkarte kaufen!“ „Es tut mir leid, aber ich bin gehalten, Ihnen eine Fahrkarte zum erhöhten Beförderungsentgelt von 40 Euro zu verkaufen. Sie können sich dann schriftlich bei der Zentrale erklären, wenn Sie das Geld wieder zurückhaben wollen.“

Das bringt jetzt die Mitreisenden auf den Plan. Dass das nicht in Ordnung sei. Willkür sei hier am Werk. Er solle jetzt mal schnell eine normale Fahrkarte verkaufen, sonst würde er seines Lebens nicht mehr froh werden, der Zugbegleiter. Dieser murmelte noch leise was von „Bahnpolizei“, um dann vom Verkauf einer Fahrkarte vollständig abzusehen, und sich in den hinteren Teil des Waggons zu verdrücken.

Dort wartete bereits Isolde K. auf ihn, zückte Ihren Sonderausweis und machte ihm klar, dass sie den Vorfall leider melden müsse. Sie sei sozusagen Kontrolleur-Kontrolleurin, und ihr Job sei es, den Mal-ein-Auge-zu-Drückern das Leben schwer zu machen. Als sie sah, wie blass der nette Zugbegleiter wurde, sagte zu ihm: „Pass mal auf, Kleiner, ich kann Dir jetzt leider nicht die gute Nachricht übermitteln, dass wir hier bei `Verstehen Sie Spaß` sind, aber ich schlage vor, wir gehen heute abend mal richtig gut essen, um ich weiß schon, wer zahlt.“ Sie machten noch Uhrzeit und Treffpunkt aus, und für den Rest der Fahrt wurde er nicht mehr gesehen, während Isolde K. vor sich hin grinste. Mal sehen, was der Abend bringen würde…

Führt uns noch ein letzter Blick zurück in das Abteil, in dem der junge Mann inzwischen nicht mehr außer Atem war. Lautes Gelächter und Schenkelklopfen, „Ich fass` es nicht“-Rufe, waren zu hören, der Plan der Laienschauspieler aus der Nachbarstadt, den Zugbegleiter mal mit einer improvisierten Live-Szene aus der Fassung zu bringen, war ein voller Erfolg geworden.

Ob Ihnen das Lachen vergangen wäre, wenn sie von Isolde K. gewusst hätten?

 

Hinweis: Sowohl die Begebenheit als auch Isolde K. sind frei erfunden. Wenn es Isolde K. gäbe, hieße sie natürlich anders. ;-)

© Ulf Runge, 2007

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Leben 63 – Samstag, 25.08.07 – Die informierte Gesellschaft

Wir wissen heute alles schneller als früher, wir wissen heute mehr als früher. Wirklich?

Ich bin heute das erste Mal so richtig aufmerksam geworden auf den Tagesschau-Blog. Nur mal aus Neugierde, vielleicht auch aus Interesse draufgeclickt. Ich habe, ehrlich gesagt, dort keinen so authentischen und selbstkritischen Beitrag erwartet wie den von Herrn Dr. Kai Gniffke, von gestern, 24.08.07, 22:58 Uhr. http://blog.tagesschau.de/?p=787#more-787

Da berichtet ein Nachrichtenredakteur, dass ihm gestern eine fünf Tage alte Nachricht, nein nicht aus dem fernen Afrika, nicht aus Lateinamerika, sondern aus Deutschland, aus Rheinland-Pfalz, auf den Tisch gekommen ist, eine Nachricht vom Inhalt sehr verwandt mit der ebenfalls fünf Tage alten Nachricht aus Mügeln in Ostdeutschland, die täglich Anlass gibt für die Diskussion, wie wir mit Rechtsradikalismus (das ist etwas Abstraktes) und mit Rechtsradikalen (das ist etwas sehr Konkretes) umgehen.

Da berichtet Hr. Dr. Gniffke über sein Dilemma, möglichst der Aktualität verpflichtet sein zu wollen, und der Notwendigkeit, der Tatsache nachgehen zu müssen und zu wollen, dass hier eine Nachricht für fünf Tage eine Nicht-Nachricht war, einfach mal so unter den Tisch gekehrt.

Das hat Stil, dass ein Nachrichtenmacher – ja, da stellt sich wirklich die Frage, ob Nachrichten gemacht werden oder nicht – die Frage aufwirft, wie ein offensichtlicher Sachverhalt nicht den Weg findet, in die Zeitung, den Rundfunk, das Fernsehen. Und wie ist es mit den Blogs? Die seien doch heutzutage die schnellsten, wenn irgendwo etwas passiert, habe ich mal gelesen. Aber sie sind offensichtlich noch nicht überall.

Dann wird es Zeit dafür. Oder?

Ich glaube, wir können gar nicht genug dankbar dafür sein, dass wir in einem Teil der Welt leben, in dem unabhängige Nachrichtenmacher – egal, ob öffentlich-rechtlich, privat-kommerziell oder privat ohne kommerziellen Hintergrund – miteinander konkurrieren dürfen. Dass wir in einem Teil der Welt leben, in dem sich die Menschen, wenn sie denn wollen, auf verschiedensten Wegen über den gleichen Sachverhalt informieren können. Und sich eine eigene Meinung bilden. Und diese auch vertreten.

 

Den eigentlichen Anlass für diese Nachricht möchte ich nun auch noch kurz würdigen.

Nur wer andere vor Gewalt schützt, kann ernsthaft darauf hoffen, selbst einmal Hilfe zu erhalten.

Wenn unsere Politiker weiterhin zulassen, dass Arbeitsplätze unser Exportschlager Nummer Eins sind, statt durch inhaltlich-moralische Führung die sozialen Brennpunkte in Deutschland zu bekämpfen, dann bleibt womöglich nur die Resignation, die wir von Joseph Marie de Maistre kennen: „Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient.“ (gefunden in http://msd.twoday.net/stories/216032/).

Und was kann ich tun? Ich halte es mit diesem Sinnspruch:
„Die Toleranz hat ihre Grenze dort, wo Intoleranz gewalttätig wird.“

© Ulf Runge, 2007

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