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Leben 35 – Freitag, 22.06.07 – Geistergeschichte #1

Aus der Zuhörer- und Leserschaft ist der Wunsch an mich herangetragen worden, doch auch mal eine Geschichte für Kinder zu schreiben. Um was es denn gehen solle, habe ich dann noch gefragt, mal ein paar Vorschläge gemacht und am Ende meiner Aufzählung verrückterweise „Geister“ genannt. „Geister“ sei gut, ja, eine Geistergeschichte!

Und so sitze ich hier, frage mich, ob ich von allen guten Geistern verlassen bin, weil, Geister gibt’s ja nicht, und wie könnte ich über Geister schreiben, wenn es sie nicht gibt.

Über Schutzengel und Aufeinanderaufpassengel habe ich ja schon geschrieben, und bei denen bin ich mir sicher, dass es sie gibt. Aber Geister?

Pumuckels? Nils Holgerssons? Das sind Märchenfiguren, keine Geister. Hexen, Feen, Trolle? Da stellt sich eine grundlegende Frage: Wie persönlich sind Geister? Haben Sie Namen? Darf ich ihre Namen kennen?

In Schweden gibt es, fällt mir jetzt ein, da gibt es wirklich Geister! Wie anders soll es möglich gewesen sein, dass nach langer Irrfahrt in den schwedischen Mittsommernachthimmel hinein der gesuchte Campingplatz zwar gefunden wurde, aber dann kein vernünftiger Platz mehr frei war. Und dann nach einer weiteren Stunde Fahrt und Suche in traumhafter, aber dennoch leicht bedrohlich fremder Landschaft das Paradies gefunden wurde. Das sei keine Geistergeschichte höre ich bereits aus dem morgigen Tag ins Heute zurück schallen.

Keine Geistergeschichte. Gut. Dann schreiben wir jetzt eine Geistergeschichte…

Es war ein Tag wieder andere. Xaver hatte gerade das Haus verlassen, stieg in sein Auto ein, und startete Richtung Büro. Ein Tag wie jeder andere, Bayern 3 spielte aktuelle Hits, Werbung, Nachrichten und natürlich auch Verkehrsdurchsagen. Als die Meldungen vorüber waren, ging es mit einer Durchsage weiter, die Xavers Leben verändern sollte. „Hi, Xaver, hörst Du mich? Bau jetzt keinen Scheiß. Fahr einfach weiter. Ich bin Dein Alpha-Troll. Ich möchte gerne“ Krx! Xaver drückte auf den Knopf am Radio und war sich nicht ganz sicher, ob er wirklich im Auto saß oder träumte. Die hochsommerlichen Schweißperlen unter seinen Achseln im klimaanlageausgestatteten Firmenwagen machten ihm klar, dass er auf dem Weg zur Arbeit war und dass er auch keine Halluzinationen hatte. Radio wieder an. Ein Mitschnitt aus der neuesten CD von den Jagga-Bites war zu hören. Und was war das nun? Werbung! So ein neuer Typ von Werbung. Mit einem Typen, der ´nem anderen Typen namens Xaver irgendwas Bescheuertes erzählen wollte. Die gleiche Stimme wie von eben. Na gut, man kann sich ja nicht auch noch mit der Werbung kompletto auskennen.

Stau! Wieder dieser beknackte morgendliche Stau. Aber wenigstens eine gute Gelegenheit, schon mal die ersten Telefonate zu führen.

„Rosi? Also pass mal auf, den Termin mit dem Wastlmeier, den knicken wir. Ruf den doch mal an, dass wir das nächste Woche machen. Das muss doch bei dem Sauwetter nicht sein. Ich fließ ja jetzt schon weg!“ Er vernahm noch ein „Okay, Chefe!“, als er bereits ein Gespräch von „Unbekannt“ in der Leitung hatte. „Xaver, pass mal auf, schade dass das eben nicht geklappt hat!“ Die gleiche Stimme wie im Radio! Ein kalter Schauer fuhr ihm über den Rücken. Das war bestimmt so eine blöde Fernsehsendung, die sich da mal wieder einen Spaß mit ihm erlauben wollte. Xaver beschloss, kooperativ zu sein, er wollte nicht so ganz peinlich rüberkommen wie die üblichen Heinis im Fernsehen.

„Hi, Du, ja schön, dass Du Dich noch mal meldest! Ich hab das Radio nur ausgemacht, weil ich dachte, ich spinne. Aber ich spinne ja nicht, weil Du bist ja jetzt in der Leitung. Und weißt Du, mit so Sachen wie diesen Reinlegeshows vom Fernsehen, also auf sowas falle ich nicht rein. Also, wer bist Du? Hat man Dich bei Raumschiff Orion ausgesetzt?“

Langes Schweigen in der Leitung. „Hi Xaver, ich wollte eigentlich ernsthaft mit Dir reden. Wenn Du das alles so witzig findest, dann können wir die Sache ja beenden. Ich hatte gehofft, Du würdest uns eine Chance geben!“

„Ist ja gut!“ meinte Xaver, immer noch sichtlich belustigt. Auf der Autobahnbrücke, unter der er gerade durchfuhr, stand ein Auto von einem Fernsehteam, das konnte kein Zufall sein. „Sag mir Dein Anliegen, und ich sehe zu, was ich für Dich tun kann.“ Alpha-Troll entgegnete ihm mit säuerlicher Mine: „Was Du für mich tun kannst? Interessiert es Dich denn überhaupt nicht, wer ich bin? Du willst mich loswerden, das merke ich mich. Das machst Du mit allen geschäftlichen Dingen so, oder? Gleich zur Sache kommen, das Problem erkennen, Lösungsvorschläge machen, entscheiden, fertig! Weißt Du, ich bin mehr als eine Figur Deines Alltags. Ich bin Dein Geist!“

Irgendwann hatte Xaver die Lust an diesem bescheuerten Spiel verloren und legt auf, beendete die Verbindung. So ein Schwachsinn. ´Mein Geist!´ Das haben wir lange nicht mehr gehabt. Der kann mir bestimmt die Lottozahlen vorhersagen oder so. Irgendjemand musste technisch voll was drauf haben, dass er so das Autoradio und das Handy manipulieren konnte. Außer so einer bescheuerten Fernsehsendung blieb eigentlich nur ein Verbrechen. Man wollte ihn entführen, oder einen Anschlag auf ihn ausüben!

Xaver riss das Steuer herum, fuhr sofort runter von der Autobahn, bog den ersten Feldweg rechts ein, holte ein Decke aus dem Kofferraum, legte sich unter sein Auto und entdeckte dort einen merkwürdigen Gegenstand. Der gehört hier doch nicht hin! Xaver rutschte auf der Decke wieder zurück, und lief davon, schnellen Schrittes, so schnell er konnte. Als er dann den Knall hörte, warf er sich flach auf die Wiese hin, voll hinein in einen Kuhfladen. In drei Minuten Entfernung ging sein Auto in Flammen auf, und er, Xaver, hatte überlebt. Dank dieses Geistes. Dank seines Geistes. Dank Alpha-Troll. Gerne hätte er noch mit ihm gesprochen…

Ob es Geister gibt? Nicht wirklich, oder?

© Ulf Runge, 2007

  1. 28. Juni 2007 um 01:51

    Mit dir zusammen würde ich gern ein Büchlein füllen. Geschichten aus dem Leben. Eine Überschrift, zwei Inhalte. Frau. Mann.
    Wir wärs?

  2. Ulf Runge
    28. Juni 2007 um 01:57

    Liebe Renate,
    das ist ein schönes Angebot.
    Darüber reden wir.

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