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Leben 34 – Donnerstag, 21.06.07 – Bifokale Intelligenz

Ich blicke durch meine Brille. Weiter durch die Scheibe des Zuges, eine durch Regentropfenränder verfleckte Scheibe. Wie hässlich!

Ich finde es immer wieder bemerkenswert, dass ich durch eine, nennen wir es mal ungeputzte Brille gucken kann, ohne dass es mich stört. Erst wenn ich bewusst auf die Brillengläser fokussiere, erkenne ich Schlierenbildung und Fingerabdrücke.

Obwohl ich zur Reinlichkeit neige, stelle ich fest, dass meine Brille – frisch geputzt – unmittelbar nach dem Reinigungsvorgang Insekten, Staubkörner, Fettschlieren und spurensicherungsrelevante Merkmale anzieht.

Aber langsam! Ich glaube, ich stelle mich erst einmal vor.

Ja, ich bin bekennender Brillenträger. Gehen Sie bitte davon aus, dass ich, während ich diese Zeilen schreibe oder lese, meine Brille aufhabe. Oder vielleicht auch nicht. Denn meine Brille brauche ich tatsächlich nur zum In-die-Ferne-gucken. D.h. ich kann sie beim Lesen jederzeit abnehmen. Z.B. weil ich finde, dass sie verschmutzt ist. Und dann in die Brusttasche meines Hemdes stecken. Wenn sie bisher noch nicht fettfingrig war, dann ist sie es spätestens jetzt.

Ich bin kurzsichtig. Zumindest, was mein Sehvermögen betrifft. Kurzsichtig, weil ich scharfen Auges nicht weit gucken kann.

Und da ich einige wenige Monate und Stunden älter bin als 45, hat bei mir auch die Alters(weit)sichtigkeit ein wenig angefangen. Für den eiligen Leser und Zuhörer hier ein wichtiger Hinweis: Sie haben eben nicht das Wort „Altersstarsinn“ wahrgenommen, der Begriff heißt „Alters(weit)sichtigkeit“. Weitsichtig bin ich, weil ich scharfen Auges nicht kurz gucken kann.

Ich fasse mal kurz zusammen.
Erstens: Ich brauch´eigentlich keine Brille, zumindestens nicht am Schreibtisch.
Zweitens: Zum Radarfallenerkennen trage ich eine „normale“ Brille gegen die Kurzsichtigkeit.
Drittens: Um der Diagnose „Alters(weit)sichigkeit
gerecht zu werden, benötige ich eine Lesebrille.

Besonders angenehm finde ich, dass beide Sehfehler gleichzeitig mit einem sogenannten bifokalen Glas korrigiert werden können. Man spart sich eine Menge Gelächter, wenn man nicht andauernd die Brille wechseln muss.

Wie funkioniert nun so eine bifokale Brille? Der Optiker setzt Dir das Dingens auf die Nase. Du siehst alles nur noch verschwommen, so dass dies genau der richtige Augenblick ist, Dir die Rechnung für Dein neues Nasengestell in die Hand zu drücken. Während Du zunächst Spätfolgen des kriminalpolizeilichen Drogeninformationsabends vor 20 Jahren vermutest, entdeckst Du mit einem Mal, dass es oben im Glas eine Stelle gibt, durch Du scharf hindurch gucken kannst. Nach Verlassen des Optikergeschäftes antwortest Du auf die Frage, ob Du mit der neuen Brille wirklich schon jetzt Auto fahren möchtest, unmissverständlich: „Warum bitte nicht?!“ Was eine Fortsetzung des Dialoges nachhaltig beendet.

Sicher zu Hause angekommen, machst Du beim Aussteigen einen Fehler. Gerade als die Füße sicheren Boden unter sich haben, riskierst Du mal einen Blick durch den unteren Teil der Brille. Das führt zum sofortigen Verlust des Gleichgewichts, das Du durch einen beherzten Griff zur Autoantenne wieder gewinnst. Dabei erinnerst Du Dich daran, dass Du schon immer mal eine neue Antenne haben wolltest…

Woran erkenne ich als normaler Mensch eine Bifokal-Behinderung bei Brillenträgern? Ganz leicht! Genauso wie der gewöhnliche Brillenträger schaut der Bifokalist durch seine Brille in die Ferne, und zwar oben durch, wie wir ja jetzt wissen. Beim Zeitunglesen passiert allerdings ein anatomisches Wunder. Die Brille rutscht das Nasenbein hinunter, was dem Gegenüber einen Blick auf unbebrillte Augen eröffnet. Das nachrichtenfokussierende Auge verschmäht dabei die Chance, unten durchs bifokale Glas zu spinxen, nein es genießt lieber den freien Blick über den oberen Rand der Brille.

Zur Kurzsichtigkeit noch soviel: Es gibt nach meiner Einschätzung valide Forschungsergebnisse, die besagen, dass Kurzsichtigkeit und Intelligenz in einem unmittelbaren Zusammenhang stehen. Auf einen Nenner gebracht: Kurzsichtig = klug. Die Theorie ist nachvollziehbar und lässt auch keine gegenteiligen Schlüsse zu: Das bei klugen Menschen extrem ausgebildete Logik-Zentrum benötigt, um sich weiter ausdehnen zu können, Platz in der Nachbarschaft. Und diesen Platz holt es sich beim Sehzentrum, was dann zu Kurzsichtigkeit führt.

Ich gebe diese Weisheit immer wieder gerne von mir, solange, bis auch andere Menschen sie glauben.

Als bei meiner Tochter anstand, dass sie möglicherweise auch eine Brille tragen müsste, habe ich erst hinterher erfahren, welche Ängste sie ausgestanden hat vor der Diagnose des Augenarztes: Kurzsichtig und klug oder weitsichtig und dumm. (Was sagt man nicht alles im Scherz?!)

Etwas niedergeschlagen erzählte sie mir am Abend nach der Augenuntersuchung: „Du, ich muss jetzt doch ´ne Brille tragen!“ Um dann sichtlich erfreut zu ergänzen: „Aber weißt Du was?! Ich bin kurzsichtig! Das ist toll, oder?“

©Ulf Runge, 2007

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