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Archive for Juni 2007

Leben 38 – Freitag, 29.06.07 – Ich scanne (1. Überarbeitung)

29. Juni 2007 4 Kommentare

Ich möchte einen Artikel scannen. Nein, nicht „der, die, das“, sondern einen Zeitungsartikel. Scannen, das ist so etwas ähnliches wie Fotokopieren, nur das das Ergebnis keine Kopie auf Papier ist, sondern eine Grafik auf dem PC.

Der Artikel ist relativ breit und passt hochkant nicht auf die Glasscheibe, so dass ich ihn um 90 Grad drehe und quer hinlege.

Der PC ist schon gestartet, als Wiederholungstäter weiß ich, dass ich das „Director“-Programm starten muss. Und schon geht es los. Der Scanner erzeugt automatisch eine Preview mit Auflösung 200, was auch immer das sein mag. Diese Preview muss man sich als ziemlich unscharfes Foto von meinem Artikel stellen. Und kleiner als einen Personalausweis.

Mit der Maus möchte ich jetzt den tatsächlich gewünschten Ausschnitt aus der Zeitung einstellen. Da die Darstellung so winzig und unscharf ist, lege ich meine Brille ab und gehe mit den Augen ganz dicht an den Monitor ran, bis meine Nase gegen das Glas prallt. Ein letzter kontrollierender Blick, ein Klick auf „Akzeptieren“. Während die Mechanik der Scanlampe durch das Gerät rumpelt, nehme ich wieder normale PC-Arbeitshaltung ein.

Als der Scan-Vorgang beendet ist, werde ich gefragt, ob ich noch mal scannen will? Ich verneine. Das Director-Programm beendet sich, und nach einer kurzen Ewigkeit meldet sich ein anderes Programm auf dem Monitor und zeigt mir das gescannte Bild. Prima. So ungefähr hatte ich mir das vorgestellt. Aber auch nur ungefähr. Der rechte Rand ist nicht ganz drauf. Also noch mal versuchen.

Sie haben aufgepasst? Ja: Director starten. Ausschnitt im Preview einstellen. Akzeptieren. Nein, ich will kein weiteres Bild. Ich klicke ins andere Programm. Einen Unterschied zu vorher kann ich nicht wirklich feststellen. Vielleicht minimal ein bisschen besser. Aber der rechte Rand fehlt immer noch. Ich verschiebe den Ausschnitt noch ein bisschen. Jetzt muss es aber klappen.

Director zum dritten Mal gestartet. Bevor ich den Ausschnitt wähle, klicke ich im Auswahlfeld für die Auflösung und wähle dort 300. Für 300 dpi, dots per inch, Punkte pro Zoll. Obwohl es ja mal Beschlusslage war, dass in der Technik auf metrische Maßsysteme umgestellt wird, fahren wir heute immer noch Autos mit x-mal-x Zoll Rädern, sitzen vor 17-Zoll Monitoren. Und bestimmen die Auflösung von Fotos mit Punkten pro Zoll.

Jetzt kommt eine lustige Meldung. Die von mir gewünschte Auflösung sei höher als erforderlich. Schön, dass das Programm das weiß. Ob ich jetzt die Einstellung wählen wolle oder die aktuelle Einstellung nehmen. Wie bitte? Was bedeutet diese Frage? Eine Hilfe wird mir nicht angeboten. Ich wähle „Einstellung wählen“. Bescheuert. Hat was mit Blindflug zu tun.

Wieder Nase an Bildschirm, Ausschnitt im Preview wählen, Akzeptieren. Egal, das Bild im Anzeigeprogramm ändert sich nicht. Nun bin ich ja nicht blöd, denke ich. Beziehungsweise man darf ja blöd sein, aber wenigstens denken, man sei es nicht, oder?

Ich werde die ganze Technik überlisten, drehe die Zeitung auf dem Scanner um 180 Grad, das wär doch gelacht, jetzt muss sich was ändern.

Und siehe da: Im Preview ist das Bild ebenfalls gedreht. 300 einstellen, lustige Frage beantworten, Ausschnitt wählen, Akzeptieren. Jetzt wird es wirklich spannend. Was passiert im Anzeigeprogram?

Nö!!! In diesem mist Anzeigeprogramm ändert sich nichts. Okay, dann ist hier der Fehler zu suchen. Ich will das Programm schon beenden, als ich zwei grüne Flecken entdecke. Pfeilsymbole. Ich klick das mal an.

Ein anderes Bild erscheint, noch mal auf den Pfeil, wieder ein neues Bild. Das sind gescannten Bilder der vergangenen Stunde! Ich klicke mich durch die vermissten Scan-Bilder durch, bis ich bei den beiden 180 Grad Bildern lande. Jetzt weiß ich endlich, wie ich mein gescanntes Bild angucken kann: Einfach durchklicken bis zum Ende.

Schön, dass man so etwas Tolles wie das Scannen heutzutage zu hause machen kann. Wenn man weiß, wie, ist es auch noch etwas schneller als Fotografieren oder gar Abmalen. Spannend ist es allemal

© Ulf Runge, 2007

Leben 37 – Donnerstag, 28.06.07 – Mein Hallo-Licht

28. Juni 2007 4 Kommentare

Das Schöne an so mancher Technik ist, dass sie uns bisweilen warnen will, wenn in Kürze ein Zustand eintreten kann bzw. wird, den wir doch besser zur Kenntnis nehmen sollten.

Ich habe ein Hallo-Licht. Am Armaturenbrett meines Autos. Armaturen? Brett? Weder! Noch! Doch der Begriff „Armaturenbrett“ hat sich gehalten. Nur bei mir? Ich müsste da mal in die Bedienungsanleitung gucken, wie dort die Informationszentrale meines Autos genannt wird. Nö! Nicht jetzt. Jetzt wird geschrieben.

Also mein Hallo-Licht am Armaturenbrett ist weder die Ölkontrolllampe noch die Ladekontrolllampe noch die Benzinkontrolllampe. (Drei Worte mit drei „l“, schön!) Mein Hallo-Licht warnt mich davor, dass gleich der Airbag aufgeht, mir voll ins Gesicht geschlägt, mir die Brillengläser zertrümmert und die Scherben in die angstgeöffneten Augen presst – dachte ich immer. Denkste.

Also, der Tut-Zustand ist folgender: Zündung an. Alle Lampen an. Motor an. Alle Lampen aus. Bis auf das Hallo-Licht für den Airbag. Das blinkt gemäß Bedienungsanleitung noch einige Sekunden, mein Gedächtnis erinnert sich an ca. 7 bis 8 Sekunden gemäß derzeit nicht griffbereiter Bedienungsanleitung (ich schreibe lieber weiter, als das jetzt zu klären), und dann muss das Dingens aus sein. Ist es auch. Wenn‘ tut.

Mein Hallo-Licht habe ich so getauft, weil es bisweilen eben beschließt, nach diesen 7 bis 8 Sekunden nicht aus gehen zu wollen, sondern konstant dauerzublinken. Das zieht zunächst die Ängste nach sich, dass jetzt jederzeit der Airbag aufgehen könnte, aber das hatten wir schon (s.o.), und das ist falsch, wie ich inzwischen erfahren habe. Das Blinken hat genau die umgekehrte Funktion. Der Airbag würde sich nicht öffnen, wenn ich hoffte, dass er jetzt doch noch schnell aufginge.

Es ist ja sowieso eine merkwürdige Situation. Es gab mal eine Zeit, da sind alle ohne Gurt Auto gefahren. Und haben sich darauf verlassen, dass das rechtzeitige Bremsen sie vor Unfallschäden bewahren würde. Dann wurden die Gurte erfunden und dann wurden sie auch Vorschrift, zunächst gab es diese blöden Dinger, die man immer neu einstellen musste und dann hat es auch jeder gleich gemerkt, wenn mal jemand anders die Gurte benutzt hat. Das war dann eventuell erklärungsbedürftig. Vielleicht hat das die Ingenieurinnen und Ingenieure dazu beflügelt, die Automatikgurte zu erfinden.

Ja, und jetzt bin ich wieder da, wo ich hin wollte. Die Automatikgurte, die habe ich schon gespürt. Heftige Bremsung, die Dinger verhaken sich, bremsen meine Bewegung, ein Gefühl von „aufgehoben“ stellt sich ein. Aber mal im Ernst. Da ich – toi toi toi – noch keinen entsprechenden Unfall hatte, weiß ich nicht, ahne ich körperlich absolut nicht, was es bedeuten würde, wenn sich dieses Dingens von Airbag in Nullkommanix aufbläst, sich an meine Haut anschmiegt. Nein, anschmiegen erwarte ich nicht, eher ein Überstülpen, eine Art Express-Kondom für´s Gesicht, aber was passiert mit der Brille? Fliegt die weg? Brechen die Gläser? Wird das Brillengestell den Airbag zum Platzen bringen?

Fazit: Er wird sich nicht öffnen, sagt mir das dauerblinkende Hallo-Licht. Ich werde zum xten Mal in die Werkstatt fahren, man wird mir wieder einmal sagen, dass die Ursache ein sehr teures Kabel sei, natürlich könne man mir das reparieren, aber in diesem Fall genüge es, wieder einmal „den Schalter abzudrücken“. Ehrlich gesagt, so ein abgedrückter Schalter würde ich auch nicht sein wollen. Aber egal. Das Ganze geht in wenigen Sekunden. Kost‘ nix. Morgen früh habe ich hierzu Termin.

Dann wird das Blinken wieder weg sein. Um mir dann in nicht präzise vorhersehbarer, aber doch überschaubarer Zeit wieder „Hallo“ zu sagen. Mein Hallo-Licht.

 

© Ulf Runge, 2007

 

Leben 36 – Montag, 25.06.07 – Die Vorbestellung

25. Juni 2007 1 Kommentar

Ich gehe einkaufen. Beim Bäcker gibt es ein Brot und ein paar Brötchen zu holen. Die seien bereits telefonisch vorbestellt. 

Ich betrete den Bäckerladen. Werde angesprochen: „Guten Tag, Sie wünschen?“ „Guten Morgen, ich würde gerne die Sachen für Adler abholen.“ „Hm, die Sachen für …“ stirbt die Stimme der Verkäuferin. Sie blickt zu ihrer maschinenreinigenden Kollegin hinüber, die nach kurzen Ewigkeiten spürt, dass unsere Blicke auf ihr ruhen. Intensivst ruhen. „Sag mal, eine Bestellung für…“, sie schaut wieder zu mir rüber, „Für wen noch mal?“ „Adler“ antworte ich. Die zweite klappt das große Vorbestellungsbuch auf, dort steht nichts mit „Adler“. 

Ich spüre, wie die beiden in ihrem Standard-Fundus für Entschuldigungen herumkramen. „Tut uns leid!“ werde ich gleich zu hören bekommen, ich fange schon an zu wetten.

Da kommt eine dritte Kollegin von hinten, wird angesprochen: „Sag mal, hast Du mit dem Herrn da telefoniert?“ Wir sehen uns wortlos an, und ohne das wir je ein Wort miteinander gesprochen hätten, verneinen wir vehement, jemals miteinander telefoniert zu haben. Haben wir ja auch nicht.  

Ich stelle klar: „Meine Frau hat wohl mit Ihnen gesprochen, Adler“, wobei ich die Existenz einer vierten Verkäuferin erst einmal ausschließe. Das Mit-Ihnen-habe-ich-nicht-telefoniert-Gesicht verändert sich in ein freundliches, wissendes Lächeln, sie geht wieder nach hinten und kommt mit zwei gefüllten Bäckereitüten zurück.

Obwohl dies keine erfundene Geschichte ist und damit eigentlich noch weitere Komplikationen zu erwarten wären, endet sie hier. 

© Ulf Runge, 2007

Leben 35 – Freitag, 22.06.07 – Geistergeschichte #1

22. Juni 2007 2 Kommentare

Aus der Zuhörer- und Leserschaft ist der Wunsch an mich herangetragen worden, doch auch mal eine Geschichte für Kinder zu schreiben. Um was es denn gehen solle, habe ich dann noch gefragt, mal ein paar Vorschläge gemacht und am Ende meiner Aufzählung verrückterweise „Geister“ genannt. „Geister“ sei gut, ja, eine Geistergeschichte!

Und so sitze ich hier, frage mich, ob ich von allen guten Geistern verlassen bin, weil, Geister gibt’s ja nicht, und wie könnte ich über Geister schreiben, wenn es sie nicht gibt.

Über Schutzengel und Aufeinanderaufpassengel habe ich ja schon geschrieben, und bei denen bin ich mir sicher, dass es sie gibt. Aber Geister?

Pumuckels? Nils Holgerssons? Das sind Märchenfiguren, keine Geister. Hexen, Feen, Trolle? Da stellt sich eine grundlegende Frage: Wie persönlich sind Geister? Haben Sie Namen? Darf ich ihre Namen kennen?

In Schweden gibt es, fällt mir jetzt ein, da gibt es wirklich Geister! Wie anders soll es möglich gewesen sein, dass nach langer Irrfahrt in den schwedischen Mittsommernachthimmel hinein der gesuchte Campingplatz zwar gefunden wurde, aber dann kein vernünftiger Platz mehr frei war. Und dann nach einer weiteren Stunde Fahrt und Suche in traumhafter, aber dennoch leicht bedrohlich fremder Landschaft das Paradies gefunden wurde. Das sei keine Geistergeschichte höre ich bereits aus dem morgigen Tag ins Heute zurück schallen.

Keine Geistergeschichte. Gut. Dann schreiben wir jetzt eine Geistergeschichte…

Es war ein Tag wieder andere. Xaver hatte gerade das Haus verlassen, stieg in sein Auto ein, und startete Richtung Büro. Ein Tag wie jeder andere, Bayern 3 spielte aktuelle Hits, Werbung, Nachrichten und natürlich auch Verkehrsdurchsagen. Als die Meldungen vorüber waren, ging es mit einer Durchsage weiter, die Xavers Leben verändern sollte. „Hi, Xaver, hörst Du mich? Bau jetzt keinen Scheiß. Fahr einfach weiter. Ich bin Dein Alpha-Troll. Ich möchte gerne“ Krx! Xaver drückte auf den Knopf am Radio und war sich nicht ganz sicher, ob er wirklich im Auto saß oder träumte. Die hochsommerlichen Schweißperlen unter seinen Achseln im klimaanlageausgestatteten Firmenwagen machten ihm klar, dass er auf dem Weg zur Arbeit war und dass er auch keine Halluzinationen hatte. Radio wieder an. Ein Mitschnitt aus der neuesten CD von den Jagga-Bites war zu hören. Und was war das nun? Werbung! So ein neuer Typ von Werbung. Mit einem Typen, der ´nem anderen Typen namens Xaver irgendwas Bescheuertes erzählen wollte. Die gleiche Stimme wie von eben. Na gut, man kann sich ja nicht auch noch mit der Werbung kompletto auskennen.

Stau! Wieder dieser beknackte morgendliche Stau. Aber wenigstens eine gute Gelegenheit, schon mal die ersten Telefonate zu führen.

„Rosi? Also pass mal auf, den Termin mit dem Wastlmeier, den knicken wir. Ruf den doch mal an, dass wir das nächste Woche machen. Das muss doch bei dem Sauwetter nicht sein. Ich fließ ja jetzt schon weg!“ Er vernahm noch ein „Okay, Chefe!“, als er bereits ein Gespräch von „Unbekannt“ in der Leitung hatte. „Xaver, pass mal auf, schade dass das eben nicht geklappt hat!“ Die gleiche Stimme wie im Radio! Ein kalter Schauer fuhr ihm über den Rücken. Das war bestimmt so eine blöde Fernsehsendung, die sich da mal wieder einen Spaß mit ihm erlauben wollte. Xaver beschloss, kooperativ zu sein, er wollte nicht so ganz peinlich rüberkommen wie die üblichen Heinis im Fernsehen.

„Hi, Du, ja schön, dass Du Dich noch mal meldest! Ich hab das Radio nur ausgemacht, weil ich dachte, ich spinne. Aber ich spinne ja nicht, weil Du bist ja jetzt in der Leitung. Und weißt Du, mit so Sachen wie diesen Reinlegeshows vom Fernsehen, also auf sowas falle ich nicht rein. Also, wer bist Du? Hat man Dich bei Raumschiff Orion ausgesetzt?“

Langes Schweigen in der Leitung. „Hi Xaver, ich wollte eigentlich ernsthaft mit Dir reden. Wenn Du das alles so witzig findest, dann können wir die Sache ja beenden. Ich hatte gehofft, Du würdest uns eine Chance geben!“

„Ist ja gut!“ meinte Xaver, immer noch sichtlich belustigt. Auf der Autobahnbrücke, unter der er gerade durchfuhr, stand ein Auto von einem Fernsehteam, das konnte kein Zufall sein. „Sag mir Dein Anliegen, und ich sehe zu, was ich für Dich tun kann.“ Alpha-Troll entgegnete ihm mit säuerlicher Mine: „Was Du für mich tun kannst? Interessiert es Dich denn überhaupt nicht, wer ich bin? Du willst mich loswerden, das merke ich mich. Das machst Du mit allen geschäftlichen Dingen so, oder? Gleich zur Sache kommen, das Problem erkennen, Lösungsvorschläge machen, entscheiden, fertig! Weißt Du, ich bin mehr als eine Figur Deines Alltags. Ich bin Dein Geist!“

Irgendwann hatte Xaver die Lust an diesem bescheuerten Spiel verloren und legt auf, beendete die Verbindung. So ein Schwachsinn. ´Mein Geist!´ Das haben wir lange nicht mehr gehabt. Der kann mir bestimmt die Lottozahlen vorhersagen oder so. Irgendjemand musste technisch voll was drauf haben, dass er so das Autoradio und das Handy manipulieren konnte. Außer so einer bescheuerten Fernsehsendung blieb eigentlich nur ein Verbrechen. Man wollte ihn entführen, oder einen Anschlag auf ihn ausüben!

Xaver riss das Steuer herum, fuhr sofort runter von der Autobahn, bog den ersten Feldweg rechts ein, holte ein Decke aus dem Kofferraum, legte sich unter sein Auto und entdeckte dort einen merkwürdigen Gegenstand. Der gehört hier doch nicht hin! Xaver rutschte auf der Decke wieder zurück, und lief davon, schnellen Schrittes, so schnell er konnte. Als er dann den Knall hörte, warf er sich flach auf die Wiese hin, voll hinein in einen Kuhfladen. In drei Minuten Entfernung ging sein Auto in Flammen auf, und er, Xaver, hatte überlebt. Dank dieses Geistes. Dank seines Geistes. Dank Alpha-Troll. Gerne hätte er noch mit ihm gesprochen…

Ob es Geister gibt? Nicht wirklich, oder?

© Ulf Runge, 2007

Leben 34 – Donnerstag, 21.06.07 – Bifokale Intelligenz

Ich blicke durch meine Brille. Weiter durch die Scheibe des Zuges, eine durch Regentropfenränder verfleckte Scheibe. Wie hässlich!

Ich finde es immer wieder bemerkenswert, dass ich durch eine, nennen wir es mal ungeputzte Brille gucken kann, ohne dass es mich stört. Erst wenn ich bewusst auf die Brillengläser fokussiere, erkenne ich Schlierenbildung und Fingerabdrücke.

Obwohl ich zur Reinlichkeit neige, stelle ich fest, dass meine Brille – frisch geputzt – unmittelbar nach dem Reinigungsvorgang Insekten, Staubkörner, Fettschlieren und spurensicherungsrelevante Merkmale anzieht.

Aber langsam! Ich glaube, ich stelle mich erst einmal vor.

Ja, ich bin bekennender Brillenträger. Gehen Sie bitte davon aus, dass ich, während ich diese Zeilen schreibe oder lese, meine Brille aufhabe. Oder vielleicht auch nicht. Denn meine Brille brauche ich tatsächlich nur zum In-die-Ferne-gucken. D.h. ich kann sie beim Lesen jederzeit abnehmen. Z.B. weil ich finde, dass sie verschmutzt ist. Und dann in die Brusttasche meines Hemdes stecken. Wenn sie bisher noch nicht fettfingrig war, dann ist sie es spätestens jetzt.

Ich bin kurzsichtig. Zumindest, was mein Sehvermögen betrifft. Kurzsichtig, weil ich scharfen Auges nicht weit gucken kann.

Und da ich einige wenige Monate und Stunden älter bin als 45, hat bei mir auch die Alters(weit)sichtigkeit ein wenig angefangen. Für den eiligen Leser und Zuhörer hier ein wichtiger Hinweis: Sie haben eben nicht das Wort „Altersstarsinn“ wahrgenommen, der Begriff heißt „Alters(weit)sichtigkeit“. Weitsichtig bin ich, weil ich scharfen Auges nicht kurz gucken kann.

Ich fasse mal kurz zusammen.
Erstens: Ich brauch´eigentlich keine Brille, zumindestens nicht am Schreibtisch.
Zweitens: Zum Radarfallenerkennen trage ich eine „normale“ Brille gegen die Kurzsichtigkeit.
Drittens: Um der Diagnose „Alters(weit)sichigkeit
gerecht zu werden, benötige ich eine Lesebrille.

Besonders angenehm finde ich, dass beide Sehfehler gleichzeitig mit einem sogenannten bifokalen Glas korrigiert werden können. Man spart sich eine Menge Gelächter, wenn man nicht andauernd die Brille wechseln muss.

Wie funkioniert nun so eine bifokale Brille? Der Optiker setzt Dir das Dingens auf die Nase. Du siehst alles nur noch verschwommen, so dass dies genau der richtige Augenblick ist, Dir die Rechnung für Dein neues Nasengestell in die Hand zu drücken. Während Du zunächst Spätfolgen des kriminalpolizeilichen Drogeninformationsabends vor 20 Jahren vermutest, entdeckst Du mit einem Mal, dass es oben im Glas eine Stelle gibt, durch Du scharf hindurch gucken kannst. Nach Verlassen des Optikergeschäftes antwortest Du auf die Frage, ob Du mit der neuen Brille wirklich schon jetzt Auto fahren möchtest, unmissverständlich: „Warum bitte nicht?!“ Was eine Fortsetzung des Dialoges nachhaltig beendet.

Sicher zu Hause angekommen, machst Du beim Aussteigen einen Fehler. Gerade als die Füße sicheren Boden unter sich haben, riskierst Du mal einen Blick durch den unteren Teil der Brille. Das führt zum sofortigen Verlust des Gleichgewichts, das Du durch einen beherzten Griff zur Autoantenne wieder gewinnst. Dabei erinnerst Du Dich daran, dass Du schon immer mal eine neue Antenne haben wolltest…

Woran erkenne ich als normaler Mensch eine Bifokal-Behinderung bei Brillenträgern? Ganz leicht! Genauso wie der gewöhnliche Brillenträger schaut der Bifokalist durch seine Brille in die Ferne, und zwar oben durch, wie wir ja jetzt wissen. Beim Zeitunglesen passiert allerdings ein anatomisches Wunder. Die Brille rutscht das Nasenbein hinunter, was dem Gegenüber einen Blick auf unbebrillte Augen eröffnet. Das nachrichtenfokussierende Auge verschmäht dabei die Chance, unten durchs bifokale Glas zu spinxen, nein es genießt lieber den freien Blick über den oberen Rand der Brille.

Zur Kurzsichtigkeit noch soviel: Es gibt nach meiner Einschätzung valide Forschungsergebnisse, die besagen, dass Kurzsichtigkeit und Intelligenz in einem unmittelbaren Zusammenhang stehen. Auf einen Nenner gebracht: Kurzsichtig = klug. Die Theorie ist nachvollziehbar und lässt auch keine gegenteiligen Schlüsse zu: Das bei klugen Menschen extrem ausgebildete Logik-Zentrum benötigt, um sich weiter ausdehnen zu können, Platz in der Nachbarschaft. Und diesen Platz holt es sich beim Sehzentrum, was dann zu Kurzsichtigkeit führt.

Ich gebe diese Weisheit immer wieder gerne von mir, solange, bis auch andere Menschen sie glauben.

Als bei meiner Tochter anstand, dass sie möglicherweise auch eine Brille tragen müsste, habe ich erst hinterher erfahren, welche Ängste sie ausgestanden hat vor der Diagnose des Augenarztes: Kurzsichtig und klug oder weitsichtig und dumm. (Was sagt man nicht alles im Scherz?!)

Etwas niedergeschlagen erzählte sie mir am Abend nach der Augenuntersuchung: „Du, ich muss jetzt doch ´ne Brille tragen!“ Um dann sichtlich erfreut zu ergänzen: „Aber weißt Du was?! Ich bin kurzsichtig! Das ist toll, oder?“

©Ulf Runge, 2007

Leben 33 – Sonntag, 17.06.07 – Behindert! Wa?

17. Juni 2007 4 Kommentare

Behindert! Wa?

„Ja, die sehen wirklich behindert aus, total behindert!“ denke ich mir ärgerlich. Schwungvoll steigt ein junger Vater aus dem Passat aus, zwei gesunde Mädchen im Grundschulalter öffnen die hinteren Türen, unterhalten sich angeregt. Lachend verschwinden die drei im Eingang des Gartenmarktes.

„Ich Blödmann“, sage ich mir, „parke natürlich 50 Meter weiter hinten, weil ich in der Lage bin, das Schild ´Behindertenplatz´von einem normalen ´P` zu unterscheiden.“ Ich ärgere mich – nicht wirklich – über meine eigene Blödheit, einen richtigen Kropf bekomme ich aber über so viel Ignoranz, gegen die wohl kein Kraut gewachsen ist.

Wann immer ich irgendwo ankomme, es gibt freie Behindertenparkplätze. Das ist sicherlich mal eine gute Nachricht für die Behinderten. Da hat sich eine Menge zum Positiven verändert in den vergangenen Jahren. Aber diese freien Parkplätze sind offensichtlich auch Versuchung und Falle für alle nicht-behinderten Analphabeten.

Egal wie, ich betrete ebenfalls den Gartenmarkt, kaufe mein Ding und bin schon wieder auf dem Weg zu meinem Auto, als ein dickes Auto (Neid der Hablosen, okay!) forsch einparkt. Auf einem Behindertenparkplatz! Ich bekomme die Krise!

„Behindert! Wa?“ rufe ich lauterseinwollend in Zimmerlautstärke hinterher. Ein offensichtlich quicklebendiger, gesunder, nicht-behinderter Herr steigt aus. Typisch! Erst der junge Fuzzi mit seinen Kids, jetzt der da! Ich drehe mich angewidert zu meinem Auto um, schließe auf, fahre rückwärts raus und …

… sehe im Rückspiegel den älteren Herrn einen Rollstuhl für seinen Beifahrer herausholen. Ich werde kleiner, so klein, dass ich fast nicht mehr Lenkrad und Pedal erreiche. “Manchmal muss man nicht nur die Klappe halten, nein manchmal muss man auch mal das Denken sein lassen. Manchmal muss man einfach nur an das Gute glauben…“ denke ich mir so, als ich auf die Straße einbiege.

© Ulf Runge, 2007

Leben 32 – Samstag, 16.06.07 – Strom sparen: Erster Teil

16. Juni 2007 2 Kommentare

Zwei Atomkraftwerke könnten alleine in Deutschland gespart werden, wenn die elektrischen Geräte abends richtig ausgeschaltet würden. Schuld an dem hohen Energieverbrauch seien die Stand-by-Schaltungen. Damit man bequem mit der Fernbedienung aus dem Sessel heraus alle Geräte ganz schnell ein- und ausschalten kann, damit insbesondere das Fernsehbild in Nullkommanix zu sehen ist.

Ich mache mit. Ein Gerät nach dem anderen kommt jetzt dran. Wir starten mit der Küche.

Der Kühlschrank. Na ja, Stand-by-Einsparungen sind hier wohl nicht möglich, aber es könnte Sinn machen, mal ein Thermometer hineinzulegen und sich dann zu fragen, ob die Kühlung etwas reduziert werden kann. Einsparung: Erst mal Null.

Herd und Backofen: Fehlanzeige.

Die Mikrowelle. Da das Display defekt ist, macht auch das Einstellen der Sprache und der Uhrzeit keinen Sinn. Ohne Sprache und Uhrzeit sowieso kein Standy-by-Betrieb. Einsparung: Null.

Das Küchenradio. Damit kann man nicht nur UKW hören, es hat auch eine Uhr- und Weckerfunktion. Obwohl unsere Hausratversicherung Blitzschäden abdeckt, hatte ich es gestern ausgesteckt. Irgendwann danach habe ich es wieder eingesteckt. Ohne auf das Display zu achten. Seitdem blinkt es. DAS IST DAS EIGENTLICHE STAND-BY PROBLEM: BLINKENDE UHREN-DISPLAYS! Obwohl es jetzt kurz nach Mitternacht ist, blinkt mich das Küchenradiodisplay mit 4:41 an. Das Stereoanlagendisplay im Wohnzimmer blinkt 7:13. Der Alptraum aller Stromsparer: jedesmal beim Anmachen mit Nichthilfe einer Setup-Funktion die Uhr neu einstellen. Die Kreativität der Ingenieure, immer neue, krankhafte Kombinationen für das Uhren-Setup zu erfinden, ist grenzenlos.

Oder Du lässt es blinken. Tagsüber scheint die Sonne eh zu hell, als dass das wirklich stören würde. Doch wenn der Abend kommt, dann spürst Du, dass Du Dich entschlossen hast, gelassen zu bleiben, das Blinken zu ignorieren. Wobei, es ist dann schon merkwürdig. Obwohl Du weißt, dass genau diese Uhr eine falsche Zeit anzeigt und obwohl Du gar nicht andauernd in die Richtung vom Herd gucken musst und willst, auf einmal beobachtest Du Dich dabei, wie Du immer wieder hinschaust. Sie blinkt immer noch. Natürlich blinkt sie immer noch. Wer soll sie denn gestellt haben? Je häufiger Du hinsiehst, um so mehr Fragen stellst Du Dir. Etwa: Warum blinkt der Doppelpunkt zwischen Stunde und Minuten nicht? Oder: Verbraucht ein blinkendes Display mehr oder weniger Strom als ein nicht-blinkendes Display? Oder genauso viel?

Noch mal zurück ins Wohnzimmer. Es ist eine harte Prüfung für das rüberschielenwollende Auge, beim Fernsehgucken nicht mal eben rechts rüber zu rutschen, mal kurz zu prüfen, ob es immer noch blinkt, das Display von der Stereoanlage. An der spannendsten Stelle vom Krimi beobachtest Du Dich selber, wie das eine Auge bei der Schlüsselszene bleibt und das andere ´rüberwandert zur blinkenden Uhr. Du fängst tatsächlich zu schielen an. Du merkt, wie Dein Verstand zu schielen anfängt. Stellst Dir wieder viele Fragen: Etwa: Warum schiel´ ich hier? Warum stelle ich die Uhr nicht? Bin ich der einzige, der das Blinken wahrnimmt? Bin ich der einzige, den das Blinken stört, aber nicht so stark, dass er das schon abgestellt hätte?

Inzwischen schiele ich nicht mehr. Nein. Beide Augen sind auf die Stereoanlage gerichtet. Der Krimi ist vergessen. Dieses schöne, gleichmäßige Blinken! Ich zähle die Sekunden der Minuten. Gleich wird die Anzeige auf 7:27 umspringen. 52, 53, 54. Hm, jetzt ist sie doch schon auf 7:28 umgesprungen. Ich habe zu langsam gezählt. Wobei, um 6 Sekunden verzählt ist gar nicht so schlecht.

4:56 sagt die Küchenuhr. Wir setzen das Stromsparen fort: Geschirrspüler. Nein, kein Stand-by. Keine Einsparung.

Die mobile Nebenstelle vom Festnetzanschluss: Das Ladegerät ist immer eingesteckt. Das Immereingestecktsein von Akku-Geräten ist zwar nicht ganz die Stand-by-Diskussion. Aber hier vermute ich mal auch ein nicht zu unterschätzendes Einsparpotenzial. Das Ladegerät bleibt eingesteckt; nichts ist dummer als ein Telefonat, das durch einen leeren Akku beendet wird. Ich notiere mir ein erstes 2do: Akku-Thematik recherchieren!

Die Deckenbeleuchtung: Halogen. Ist auch ein Akku-Thema. Nicht wirklich praktikabel, hier was auszustecken. Ich müsste dann abends die Leuchten aus der Holzdecke demontieren und die Kabel incl. der Akkus herausfischen. Aber wahrscheinlich denken die meisten, dass das saumäßig blöd wäre. ;-)

Hm, da fällt mir ein, dass da kein Dimmer installiert ist. Zu klären wäre, ob ein Dimmer überhaupt mit dieser Beleuchtung kombiniert werden kann. Zweites 2do: Dimmer-Akku-Halogen-Kombination klären! Wobei ich meine, mal gelesen zu haben, dass gedimmte Geräte genauso viel Strom verbrauchen wie nicht gedimmte. Drittes 2do: Einsparung gedimmter Geräte klären.

Mir vergeht die Lust: Je mehr ich mir die Wohnung ansehe, desto mehr Fragen türmen sich auf, desto länger wird die 2do-Liste. Ohne dass ich wirklich Strom gespart hätte! Bevor ich die Geschichte eventuell abrupt beende, nehme ich eine kurze Pause auf dem stillen Örtchen.

So, zurück! Das war eine sehr sinnvolle Auszeit. Zum einen ist mir die Idee für eine Sommerzeit-Geschichte gekommen, zum anderen habe ich festgestellt, dass über das Stromsparen noch folgendes zu schreiben wäre:

1.Es fehlen noch die anderen Zimmer. Was gibt es dort einzusparen?
2.
Was ist mit der 2do-Liste? Was werde ich hierzu zu berichten haben?
3.
Was ist vom Einsatz von Taschenlampen zu halten?

Mit diesem Ausblick auf einen zweiten Teil zu diesem Thema gebührt mein tiefer Dank den geneigten Leserinnen und gewogenen Lesern für ihre Begleitung bis zu diesem Punkt.

© Ulf Runge, 2007

Leben 31 – Donnerstag, 14.06.07 – Plastik

14. Juni 2007 4 Kommentare

Ich hole noch einmal tief Luft, atme aus, schließe kurz die Augen, öffne sie wieder, und werde gaaanz ruhig. Ich stelle mich an die Arbeitsplatte, gehe langsam in die Hocke und nehme den Griff vom Unterschrank behutsam in die rechte Hand. Die andere lege ich flach auf die Tür, so als wollte ich einen Tresor ganz vorsichtig öffnen.

Nur, dass es kein Tresor ist. In diesem Unterschrank wartet ein ganz besonderer Teil unseres Vermögens auf mich. Langsam öffne ich die Tür, möglichst ruckfrei und gleichmäßig, bis ich einen überwältigenden Blick auf das Kunstwerk habe.

Vorsichtig strecke ich die linke Hand hinein. So muss es sein, wenn man einen Bruch übt, etwa bei der Bank von England. Bewegungsmeldergesichert. Lichtschrankengesichert. Hochspannungsgesichert. Vorsichtig ergreife ich den Gegenstand meiner Begierde, ich habe ihn schon frei in meiner Hand, jetzt darf, jetzt kann nichts mehr schief gehen!

Kennen Sie Mikado? Lieben Sie Mikado? Man muss Mikadospieler sein, Profi, 1. Bundesliga, um nachvollziehen zu können, was in so einem Augenblick abgeht. Du hast es schon in der Hand. Ziehst es langsam heraus. Und dann: OOOOOOHRENBETÄUBENDER LÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄRM! Ich bin mir bis heute noch nicht sicher, ob man diesbezüglich von einer Kunstbrettlawine oder eher von einer Kunstdosenlawine reden kann. Obwohl ich auf alles gefasst gewesen war, verliere ich das Gleichgewicht und falle rücklings auf meinen Hintern.

Ich sitze auf dem kalten Fliesenboden, und meine Beine sind übersät mit Tapperwär! Kleine und große Plastikdosen, ohne Deckel, weil man die mit Deckel nicht stapeln kann; die Deckel ihrerseits rollen jetzt in diesem Augenblick aus dem Schrank heraus. Die von mir gesuchte und auch schon im Auswahlprozess befindliche Butterbrotdose ist mir aus der Hand gerutscht und zwei Meter weiter geflogen. Sie hat eine ungebremste Landung in der Wasserschüssel unseres Hundes vollführt und fühlt sich dort bestimmt etwas deplaciert.

Tapperwär ist die hohe Kunst, mit unendlich abzählbar vielen Behälterversionen die Illusion zu erwecken, man habe das Problem der Essensreste gelöst. Einfach ein Döschen aus dem Schrank, den Rest hinein, Deckel drauf und – da fängt’s schon an: Deckel drauf? Nahezu beliebig viele Deckel gucken Dich an, nur nicht der passende. Deckel anderer Bauserien und Deckel aus der gewünschten Bauserie, leider aber keiner in der benötigten Größe.

Hast Du nach vollständiger Inventur des Tapperwär-Schrankes dann doch den passenden Deckel gefunden, lässt man eine noch warme Speise abkühlen, bevor sie in den Kühlschrank darf. Da der Kühlschrank mitunter nicht ganz leer ist, muss alles ein bisschen zusammenrücken, mehrere Tage alte Tapperwär Dosen werden entsorgt, besser gesagt, ihr Inhalt.

Bei Tapperwär frage ich mich immer: Sind diese Produkte Teil der Lösung oder Teil des Problems? Den größten Teil ihrer Zeit fristen die Tapperwärhelfer sauber gespült im Schrank, im Tapperwärschrank. Dieser zeichnet sich durch zwei immer wieder alternativ genutzte Ordnungsmechanismen aus: „Es muss doch einen Trick geben, wie man diesen Sch… sinnvoll stapeln kann!“ Oder: „Eh egal, da fliegt sowieso wieder alles raus.“

Inzwischen sind Hund und übrige Familie zur Stelle geeilt und sehen entsetzt (der Hund) bzw. belustigt (die Familie), wie ich ein Bad in den Tapperwärfluten nehme. Nachdem mehr als die Hälfte der Utensilien ordentlich verstaut ist, muss der Schrank in einem gewissen Sinne als voll betrachtet werden. Die übrigen Teile werden vorsichtig auf die anderen draufgestapelt, ein neues Kunstwerk entsteht, von dem noch nicht abzusehen ist, wie viele Stunden lang es uns erfreuen wird, drinnen, im Schrank.

Meine Tochter betritt die Küche, sieht, wie ich ihre Brote für morgen schmiere. „Du, meine Brotbüchse muss erst mal abgespült werden, die ist ja im Hundewasser gelandet.“ Hebt die Brotbüchse auf, bringt sie zur Spüle, stellt sie dort ab. Mit starrem Blick folge ich ihren Bewegungen, die nun zielgerichtet auf den Unterschrank zusteuern. Ihre rechte Hand greift zur Tür. Öffnet elanvoll besagten Unterschrank! KLAPPKRACHBUMMMM! Ihre verdutzte Miene weicht langsam einem breiten Grinsen, als sie den halbmeterhohen Plastikturm zu ihren Füßen erblickt. Und in ein nichtendenwollendes Lachen fällt…

© Ulf Runge, 2007

Leben 30 – Dienstag, 12.06.07 – Peanuts

12. Juni 2007 2 Kommentare

Ehrlich gesagt, jetzt würde ich gerne zwei Dinge tun. Erstens einen richtig guten Artikel schreiben. Zweitens: Erdnüsse essen.

Zu erstens: Der Anfang ist gemacht. Falls dieser Artikel das Licht des Blogs erblickt, bleibt der Rest dem Urteil der Leserin und des Lesers überlassen.

Zu zweitens: Ich bräuchte jetzt bloß zum Vorratsraum gehen und mir dort eine Dose gesalzene Erdnüsse holen. Ich spare mir den Weg, weil ich weiß: Es sind keine mehr da. Schon gestern abend nicht. Deshalb brauche ich heute auch nicht gucken gehen.

In Augenblicken wie diesem, es sind noch 15 Minuten bis Mitternacht, also in derartigen Augenblicken, in denen ich weiß, dass es zwecklos ist, darüber zu sinnieren, da wird mir bewusst, wie gerne ich Erdnüsse esse. Nicht die schonend diätetischen fettarmen ultrageschmacklosen Erdnüsse. Nein, die finde ich, ehrlich gesagt, widerlich. Ich riskiere hiermit, 1% meiner Leserschaft zu verlieren, die anderen 99% sind gerade dabei zu überlegen, ob ihre Erdnussvorräte etwa auch erschöpft sind.

Hallo! Willkommen zurück! Sie haben jetzt also doch noch Erdnüsse gefunden! Herzlichen Glückwunsch! Da geht es Ihnen besser als mir. Und ich bin sicher, Sie haben auch auf’s Verfallsdatum, das sog. MHD Mindesthaltbarkeitsdatum geachtet. Wenn Sie jetzt mit „Nein“ antworten, weiß ich, dass die Dinger bei Ihnen auch nicht alt werden…

Obwohl ich sicher bin, dass keine mehr da sind, gehe ich sicherheitshalber mal eben gucken. Ich bin gleich wieder da.

So, ich bin zurück. Ich sitze jetzt vor einer Tüte Chips mit abgelaufenem MHD, wird entsorgt. Dann haben wir hier noch ca. 60 Gramm einer bereits geöffneten Tüte Studentenfutter. Während diese Lettern entstehen, zermalmen meine Zähne genau diese Nüsse und Rosinen. Und dann haben wir hier noch eine ungeöffnete Packung Shortbread Kekse von Walkers aus England. Wer sie kennt, spürt auf einmal das gleiche Verlangen wie ich. Sie meinen, ich sollte die Packung aufmachen? Einen Keks für Sie, einen für mich. Nur einen. Erstmal.

Alternativ hätte ich im Kühlschrank noch einen Höhlenkäse und zwei Cheddarkäse anzubieten. Letzeren mag ich besonders, weil er gleichzeitig würzig, trocken und einfach umwerfend geschmacksintensiv ist. Und zu Wein passt. Zu rotem. Und zu weißem. Übrigens: Das Studentenfutter ist jetzt leer. Die Kekse liegen noch unversehrt neben mir.

Ich habe soeben entschieden, dass der Cheddarkäse jetzt vorzüglich zu meinem Rosé passen würde. (Bin gleich wieder da.)

Sie glauben nicht, was das für ein Genuss ist! Cheddar, dazu einen trockenen Rosé! Das ist Sünde pur! Morgen Abend laufe ich das wieder weg, dann ist gut. Dann kann wieder Mitternacht werden.

Ja, mittlerweile ist es schon “heute” geworden. Gestern war. Heute ist. Ob ich dazu komme, Erdnüsse einzukaufen?

© Ulf Runge, 2007

Leben 29 – Montag, 11.06.07 – Fluch einer Erfindung

11. Juni 2007 2 Kommentare

Es gibt kaum einen Haushaltsgegenstand, den ich so heimtückisch finde wie den …
… Kleiderbügel!

Doch gemach!

Was täten wir ohne ihn? Vermutlich ist er eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Wikipedia gibt hier entsprechende Hinweise. Im Gegensatz zu Reinhard Mey, der auf seiner Homepage davor warnt, Wikipedia-Darstellungen über seine Person für bare Münze zu nehmen, will ich mal die Wikipedia-Informationen über Kleiderbügel nicht anzweifeln, wobei ich die Einstellung der Produktion von Schichtholzkleiderbügeln in Deutschland im Jahr 2006 bedaure, vor allem wegen des Wegfalls von Arbeitsplätzen.

Ohne Kleiderbügel müssten wir unsere saubere Wäsche schrankfertig zusammenfalten. Da ich bei der Bundeswehr das abendliche „Bauen des Alarmstuhls“ gelernt habe – man richtet abends seine Wäsche für den morgigen Tag auf einem Stuhl, der direkt am Bett steht; falls es Alarm gibt, Feueralarm, oder gar noch unerwarteteren Alarm, ist man dann selbst im Dunkeln in der Lage, sich in Nullkommanix anzuziehen und der Lage gerecht zu werden – da ich also das Falten der Wäsche für den Alarmstuhlbau gelernt habe, ahne ich die Plage vergangener Zeiten. Eine massiv reduzierte Garderobe gegenüber heute hat möglicherweise verhindert, dass dieses Thema z.B. Gegenstand von Parteiprogrammen wurde.

Wir würden also unsere saubere Wäsche falten bis zum Umfallen. Sollte sie dann auch noch gebügelt sein, böte sich das am besten morgens an, also noch ´ne Viertelstunde früher aufstehen als gewohnt. Zu lüftende Wäsche hinge am Haken, das Bügel-Outfit wäre damit in kürzester Zeit ruiniert.

Soweit in aller Kürze die Rückblende. Und heute? Beim Wechsel der Kleidung von business dress code nach Freizeit-Outfit stellt sich die Frage: „Wo ist der Kleiderbügel für den Anzug?“ Im Schrank definitiv nicht, das hieße ja, dass dort noch Platz wäre für einen leeren Kleiderbügel. Hier im Schrank also nicht.

Dann gibt es die Möglichkeit, dass er irgendwo liegt, in aller Eile im Morgengrauen irgendwo hingelegt. Frühstückstisch, Bad, Wohnzimmer, Bett. Nein, auch diese Option greift heute nicht.

Was bleibt, ist der Griff in die Kiste. Eine Kiste mit Kleiderbügeln. Nun haben Kleiderbügel die Angewohnheit, sich – vermutlich auf Grund von Trennungsängsten – nicht voneinander lösen zu wollen. Frei von Magnetismus, chemischen Klebstoffen und irgendwelchen Klettmechanismen sind sie auf nahezu unerklärbare Weise in der Lage, mit dem oberen Teil ihres Selbst sich so ineinander zu verhaken, dass an eine kurzfristige Lösung der Situation nicht zu denken ist.

Nach ca. einer Minute sieht man ein, dass der über dem Arm liegende Anzug nicht direkten Anteil daran hat, bei der Entwirrung der Bügel hilfreich zu sein. Nachdem man sich der Wäschestücke entledigt hat, kann man sich mit beiden Händen und beiden Augen auf das „Dilemma des Kleiderbügelbesitzers“ konzentrieren.

Wenn es nur ein Art von Bügeln gäbe, gleich große und gleiche dicke Bügel, und wenn die Konstrukteure dieser Bügel jemals einen Anzug getragen hätten, den sie selber hätten aufräumen müssen, dann wären diese Bügel sicherlich so konstruiert wie Senfgläser, die man bis zu 20 Gläser hoch übereinander stapeln kann, ohne umzufallen. Oder Suppenteller, bei denen selbst ein Stapel von 50 Tellern noch das Gefühl absoluter Ruhe ausstrahlt, so wie das Auge im Orkan.

Nicht so die Kleiderbügel. Selbst die vom gleichen Typ lassen sich nicht stapeln. Versuchst Du es, rutschen sie weg. Bilden ein immer wieder neues, nie in Worte fassbares Chaos. Die Lösung von Sudokus ist dagegen ein Kinderspiel.

Nun gibt es zur zusätzlichen Erhöhung der Komplexität verschiedene Arten von Kleiderbügeln, die nicht etwa die Aufgabe haben, ausschließlich Röcke und Hosen zu halten, oder etwa nur Jackets aufzunehmen, oder gar als Drahtbügel ausschließlich für Reinigungswäsche ihr Leben zu fristen, nein, sie alle haben augenscheinlich diesen speziellen Nutzen, zu verhindern, dass man in planbarer, möglichst kurzer Zeit an den einen, gewollten Kleiderbügel herankommt und ihn dann dem Chaos entreißt.

Es stellt sich ernsthaft die Frage: Verbringen wir mehr Zeit mit unseren Lieben oder mit unseren Kleiderbügeln?

Zuguterletzt noch ein Rätsel: Warum wollen Kleiderbügel nicht im Waschraum leben? Ist es Ihnen dort zu feucht. Gar zu warm? Warum gibt es für Waschraumkleiderbügel nur einen Gedanken? Flucht!

Kennen Sie das auch? Sie betreten den Waschraum. Blusen und Hemden, bügelfrei noch dazu, wollen aufgehängt sein. Worauf? Natürlich auf Kleiderbügeln! Keine da? Nichts einfacher als das! Du gehst einfach noch mal die ein, zwei oder drei Etagen hinauf in Deine Wohnung, gehst an besagte Kiste, holst nach kurzweiligen Minuten ein paar Blusen-Hemden-Kleiderbügel heraus, gehst noch mal nach unten. Hängst die Blusen auf. Und die Hemden.

Am nächsten Tag, wenn sie alle trocken sind, wollen die Kleiderbügel unbedingt mit nach oben. Keiner dieser blöden Kleiderbügel ruft:
„Wenn Du mich mal wiederbrauchst, häng mich ab,
dann machst Du auf der Trepp´nicht schlapp!“
Wie gesagt, die rufen es nicht, weil, die wollen nach oben.

Bei der nächsten aufzuhängenden Bluse sind diese verflixten Bügel alle wieder oben, in der Kiste. So ist das.

Doch ein Leben ganz ohne Kleiderbügel? Wobei, da bin ich mir sicher, die letzte Erfindung zu diesem Thema ist noch nicht gemacht. Andererseits denke ich mir manchmal: „Gibt es ein Kartell zum Schutz komplexitätserhöhender Kleiderbügel?“

© Ulf Runge, 2007

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