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Leben 15 – Mittwoch, 16.05.07

Zeitreise

Ich schließe die Augen. Beame mich zurück ins Jahr 1964.

Unsere Elektroausstattung: Decken-, Wand- und Stehlampen, allesamt ungedimmt. Keine Energiesparlampen. Wo es auf besonders gutes Licht ankommt, nehmen wir Krypton-Birnen. Halogen? Nein. Auch keine Leuchtstoffröhren.

Kindersicherungen an der Steckdose? Nein. Ohne Probleme mit dem Schraubenzieher reingekommen. Kurz gezittert. Überlebt!

Schuko-Steckdosen (Schuko=Schutzkontakt, wegen des dritten Leiters) nur in Neubauwohnungen, wie bei uns.

Kühlschrank von Ignis. Ich glaube, sogar mit Drei-Sterne-Kühlfach. Da lag gerne eine Fürst-Pückler-Eispackung für die ganze Familie drin. Mann, was waren wir stolz auf unseren ersten Kühlschrank!

Herd mit vier Kochstellen. Gusseisen, kein Ceran-Kochfeld, keine Induktionstechnik. Eine Lampe, die anzeigt, dass der Herd in Betrieb ist, wenn er oder der beleuchtete Backofen in Betrieb sind. Die Lampe erlischt, sobald Backofen und Herd ausgeschalten sind: Einladung zum Händeverbrennen, was ich auch mal für Sekunden ausprobiert habe; machst Du nie wieder. Backofen: ohne Umluft, ohne Grill. Keine Mikrowelle.

Keine Spülmaschine.

Krups-Handmixer. Multimixer. Kein Eierkocher. Keine Saftpresse.

Waschmaschine. Schleuderfunktion integriert? Weiß ich nicht. Trockner: Fehlanzeige. Wäsche wurde auf dem Dachboden aufgehängt. Oder im Freien, damit wir dort nicht Fußball spielen konnten.

Bügeleisen. Ohne Dampf.

Höhensonne. Rotlichtlampe.

Stereo-Anlage (die war bei uns edel): Verstärker und Tuner von Braun, Dual-Schallplattenspieler, Grundig- und später Telefunken-Tonbandgeräte (für die ganz großen Spulen), Lautsprecherboxen. 1964 noch Schwarzweißfernseher, später dann auch ein Farbgerät. Keine Fernbedienung. „Ulf, steh‘ bitte mal auf und schalt‘ ins Zweite!“ Wenig Programme. Keine Privaten. Keine Schmuddeleien. Wohl dosierte Werbung. HB-Männchen. Empfang zunächst über Zimmerantenne, später dann Hausantenne. Kein Kabelempfang. Keine Satellitenschüssel.

Kinderzimmer: Radioröhrengerät Philetta von Philips. UKW-Wurfantenne. Überspielen aufs Tonband möglich. Nicht aber, wenn Samstag abends während der BFBS Top Ten der Staubsauger andauernd an- und ausgeht und es im Radio jedesmal knackt. Heute nennt man das Funkentstörung, wenn man es nicht mehr hört.

Staubsauger, wie gesagt.

Brotschneidemaschine, allerdings mechanisch: Kurbelbetrieb.

Filterkaffee – keine Kaffeemaschine, keine Kaffeemühle, keine Espressomaschine.

Telefon: Ein Anschluss, eine Leitung. Hörer am Kabel, Ruheplatz auf der Gabel. Wählscheibe. Keine Wiederwahltaste, kein Lauthören, kein Anrufbeantworter, keine Anrufweiterschaltung, keine Rufnummernanzeige. Kein Modem. Kein ISDN. Kein DSL. Kein PC. Kein Laptop. Kein Handy.

Kein Cassettenrecorder. Kein Walkman. Kein CD-Gerät. Kein DVD-Gerät. Kein Gameboy. Keine Playstation.

Schreibmaschine, mechanisch. In Büros bisweilen schon elektrisch. Fotokopierer im Haushalt? Nicht wirklich. Briefe an Ämter und Behörden schreibt man mit „Kohlepapier“, blau oder schwarz. Wird mehrfach verwendet.

Lehrer, die etwas für ihre Schüler vervielfältigen wollen, erstellen das Original mit Schreibmaschine und Kugelschreiber auf einer Matrize, die in ein Gerät eingespannt wird. Hektografie heißt das Verfahren. Das war eine stinkige Angelegenheit. Man war auch sparsam mit Papier. Wenn nur die Hälfte einer Seite benötigt wurde, dann erhielten wir auch nur halb so große Kopien, A5 quer.

Schreibtisch mit Schubladen. Rollboy? Was ist das? Drehstuhl? Im Privatbereich unbekannt.

Warmwasserboiler. Philishave oder Braun Sixtant. Fön? Das weiß ich nicht mehr, bin ich mir total unsicher. Elektrische Zahnbürste: Nein!

Klingel: Ja! Später sogar mit Gong. Gegensprechanlage: Nein. Nur Türöffner.

Bewegungsmelder für Außenbeleutung? Nein. Rauchmelder? Nein.

Kein Dampfstrahlgerät für’s Autowaschen. Kein Garagentor mit Motor.

Keine Spielzeuge für Erwachsene, vermute ich mal.

 


©Ulf Runge, 2007

 

  1. matti
    16. Mai 2007 um 12:43

    Tja ja, die gute alte Zeit. Den Fön hatten wir auch noch nicht, dafür gab es die Trockenhaube, die den Geräuschpegel eines Kleinflugzeuges entfachte.

    Gurte im Auto? Keinesfalls, wir Kinder kletterten fröhlich auf der Rückbank herum und vertrieben uns so langweilige Autofahrten. Und bei langen Autofahrten wurde hemmungslos die beliebte ‘Reisetablette’ eingeworfen (die heute wahrscheinlich nur noch Dealer vertrieben werden könnte).

    Bleiben wir beim Auto. Schon damals sehr beliebt, wurde häufig am Wochenende von der ganzen Familie liebevoll shampooniert (mit Wasser, das eimerweise aus dem dritten Stock herabgeschleppt wurde) um anschliessend die obligatorische Politur zu erhalten.

    SOnstiger Komfort im Auto? Fehlanzeige. Das Radio kam erst viel später, von Cassettendeck und dergleichen nicht zu reden. Und im Sommer gab nur der glühende Fahrtwind LInderung auf aufgeheizten Plastiksitzen. Immerhin trug der Fahrer spezielle Autohandschuhe, die Brandblasen an den Händen verhindern halfen…

    Ach ja, die gute alte Zeit….

  2. Ulf Runge
    16. Mai 2007 um 22:12

    Hallo Matti,

    es ist schon erstaunlich, was da hochkommt, wenn man mal kurz die Augen schließt, oder?

    Gute alte Zeit, sagst Du?
    Ich glaube, es ist okay zu akzeptieren, dass sie war, wie sie war.
    Heute würde ich das Internet z.B. nicht missen wollen.

    Viele Grüße,
    Ulf

  3. 21. Mai 2007 um 10:18

    Dual-Plattenspieler. Hab ich heute noch. Und er funktioniert auch noch …

  4. matti
    21. Mai 2007 um 10:19

    Ciao Ulf,

    naja, ‘gute, alte Zeit’ ist ja ohnehin mehr so eine Worthülse. Auch wenn sich lange zurückliegende Ereignisse in unserer Erinnerung verklären und nur das gute übrigbleibt (wenn es sich nicht gerade um traumatische Ereignisse handelt), ist doch jede zugleich gut und schlecht. Genauso wie das Heute. Und das Internet;-)

    Guten Wochenstart wünscht
    Matti.

  5. Ulf Runge
    22. Mai 2007 um 01:40

    Renate, Du glückliche. D.h. Du hast auch noch richtige Schallplatten… ?
    Meine erste Single war: Roy Orbison, Blue Bayou; meine erste LP war von den Bee Gees, Horizontal…

  6. Ulf Runge
    22. Mai 2007 um 01:40

    Matti, das hast Du schön auf den Punkt gebracht…

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